Januar 4, 2022

Gerade komme ich von meinem ersten morgendlichen Podcast-Hörspaziergang in diesem Jahr zurück nach Hause.
Meist bleibt es bei diesen Spaziergängen beim Hören, da ich mich beim Spazieren gut auf die Inhalte konzentrieren und wichtige Aussagen auch einigermaßen gut behalten und bedenken kann. Aber heute blieb ich doch immer wieder stehen und machte mir Notizen, weil Gudrun Porath, Jochen Robes, Thomas Jenewein und Christoph Haffner im Education Newscast so viele merkenswerte Ideen und Sichtweisen auf mögliche Corporate Learning Trends 2022 äußerten, dass ich sie im Nachgang noch einmal in Ruhe durchgehen möchte.

Zunächst blickte die Runde auf ihre Eindrücke aus dem Jahr 2021 zurück. Wir haben alle viele neue Tools ausprobiert. Einige sind geblieben. Neue Standards für die Ermöglichung digital unterstützter informeller Räume haben sich noch nicht herauskristallisiert.

Spannender fand ich aber den zweiten Teil des Podcasts: Mögliche Entwicklungen und Schwerpunkte in 2022 … zu hören ab etwa Minute 20.

Gudrun nennt (Lern-)Coaching als einen wichtigen Trend. Ich habe diesen Bereich noch nicht systematischer verfolgt, beobachte aber ebenfalls, dass Begleitung und Unterstützung von Lernen in allen möglichen Formen endlich immer mehr Aufmerksamkeit erhält. Im vergangenen Jahr sind mir mehrere Mentoring-Plattformen (positiv wie negativ) aufgefallen. Agiles Lerncoaching etabliert sich immer mehr – auch als vertrauter Begriff. Und mehrfach werden im weiteren Verlauf des Podcasts Change Agents genannt (hier scheint mir die Vorstellung, was diese alles sein und tun könnten, eher dehnbar zu sein … aber ich teile die Hoffnung, dass die Möglichkeiten und Auswirkungen von Lernen in Organisationen durch Vorbilder, Sichtbarkeit und aktive Unterstützung greif- und erlebbar gemacht werden).

Die Verbreitung von Content-Marktplätzen nimmt nach Beoobachtung von Gudrun immer mehr zu. Diese werden durch LXPs, Viva Learning etc. sicher immer stärker genutzt werden, um digitalen Content (vorrangig Videos?) in die Unternehmen zu spülen. Wichtig finde ich in dem Zusammenhang den Bezug zu Content Curation (auf das später noch ausführlicher eingegangen wird) und generell Lernen mit Peers sowie Empfehlungsmechanismen … damit Lernende in dieser Flut an Content für sie relevante und qualitativ passende Angebote im Rahmen ihrer Learning Experience nutzen (auch darauf geht Thomas später auch noch ein.)

Über das ebenfalls mehrfach erwähnte Thema Digital Credentials bzw. Badges habe ich schnell hinweggehört. Digitales Kompetenzmanagement, ja. Ich verstehe die Hoffnungen, die darauf projiziert werden, ohne mich dem Interesse an dem Thema anzuschließen. Vielleicht habe ich Sorge, dass sich falsch eingesetzte Digital Credentials als ein hartnäckiges Überbleibsel von Zertifikaten, Bewertungsmechanismen und der Gleichsetzung von „Lernen“ und „Content anschauen“ festsetzen könnten? Ich habe schon viele fragwürdige Formen von Zertifikatsausstellungen, Badges, Kompetenzmanagement-Versuchen etc gesehen aber bisher keine, in die ich Hoffnung setze.

Jochen hat mich an ein Thema erinnert, dass ich bereits wieder aus dem Blickfeld verloren hatte: Die Ansätze zum Aufbau einer nationalen Bildungsplattform, die die Weiterbildungsbranche beflügeln könnte, wenn sie sich denn etabliert. Mehrere informative Artikel dazu auf dem Weiterbildungsblog … und ein Nudge für mich, mich da mal auf den aktuellen Stand zu bringen!

Ein Thema zog sich durch den gesamten Podcast und wurde von Jochen mit folgender Frage schön auf den Punkt gebracht: „Wie kann ich lebenslanges Lernen noch stärker (…) verankern, ohne die Anzahl der formalen Bildungsangebote, die Präsenztage, zu steigern?“
Stichwort „formale Lernangebote“: Die vier Diskutierenden stimmen überein, dass der Begriff E-Learning nicht mehr zeitgemäß sei, ungeliebt … oder E-Learning sogar an sich längst tot sei. „Keiner mag es, durch ein Curriculum geführt werden zu müssen“ konstatiert Christoph. Ich möchte an dieser Stelle einerseits verhalten zustimmen, andererseits aber die Hand heben und eine generelle Frage stellen, die ich seit Jahren knete und gerne an anderer Stelle noch einmal ausführlicher besprechen möchte: Was wir landläufig oft als „Lernangebot“ in Unternehmen bezeichnen oder sehen möchten, sind oft ja eigentlich Pflichterfüllungsaktivitäten, Bedienungsanleitungen oder Themenimpulse als Auftakt oder inhaltlicher Treiber von anderen (wirkungsvolleren?) Lernaktivitäten. Für diese Einsatzzwecke halte ich E-Learning durchaus für relevant und kann viele explorative und methodisch durchdachte und wirksame Web Based Trainings zeigen. Aber ich stimme zu: Wenn ich mir ein für mich neues Themenfeld neugierig, motiviert, selbstorganisiert und ambitioniert erschließen möchte, werde ich nicht warten, bis mir jemand ein WBT im LMS zuweist … sondern mich stattdessen z. B. über Austausch, Empfehlungen, Übersichten, einen vorgeschlagenen digitalen „roten Faden“ und Ausprobier-Möglichkeiten im Arbeitskontext in das Thema einarbeiten.
Letzteres ist extrem wichtig. Und dazu haben wir durch das Konsumieren kurzer Impulse und das zeitnahe Ausprobieren der daraus erwachsenden Erkenntnisse sowie die gemeinsame Reflexion darüber ja noch sehr viele Möglichkeiten, die wir auch in 2022 weiter entdecken und systematischer anwenden sollten. Jochen geht noch einen Schritt weiter und betont die Wichtigkeit, Lernen immer weiter in die Teamarbeit zu integrieren. Denn wir nutzen in der Teamarbeit bereits viele Methoden (z. B. Reviews und Retrospektiven), die wir noch präsenter als Lerninstrumente identifizieren und ausreizen können.

Wie unterscheiden sich Lernangebote plötzlich, wenn es um IT-Prozesse geht? Ich habe das Gefühl, hier wird oft ein Großteil von den methodischen und didaktischen Überzeugungen, die für ‚weichere‘ Lernfelder gehegt werden, plötzlich vergessen. Sind Lernangebote dann nur noch Klickanweisungen? Thomas spricht diese Problematik dankenswerterweise an („…da sind dann die Prozesse, Business Modelle, Produkte und Systeme wichtiger als der Mensch“) und weist auf die Wichtigkeit von User Adoption hin … einem Thema, dem auch ich mich im vergangenen Jahr intensiv gewidmet habe und das sicher auch in 2022 einen Schwerpunkt meiner Arbeit einnehmen wird. Denn ich bin überzeugt: Auch (oder gerade) bei stark standardisierten und reglementierten IT-Prozessen führt das oft geäußerte, schulterzuckende „Da müssen die User halt durch. Können sie sich nicht aussuchen. Müssen sie halt können.“ NICHT zum Erfolg! Stattdessen brauchen wir ein durchdachtes Vorgehen, um die Ziele von User Adoption zu erfüllen, die eben auch, aber bei weitem nicht nur aus dem Ausführen der richtigen Klicks und Eingaben besteht. (Dazu hatte ich z. B. vor einiger Zeit mit Claudia Schütze im Lernlust-Podcast gesprochen).

Natürlich kommt dem Lernen mit- und voneinander eine zentrale Bedeutung zu – gerade auch beeinflusst durch die Pandemie (z. B. auch zum Aufbau von Resilienz, wie Gudrun betont). Ich wünschte mir, das wäre banal … und ich geniere mich ein bisschen, das zu tippen … aber ich staune immer noch, wie oft wir das alle weiterhin betonen müssen. Auch im Podcast werden viele Formen des Peer- bzw. Social-Learning ganz selbstverständlich erwähnt: Working Out Loud, LernOS, Learning Out Loud, Learning Experience Circle … Ich bin überzeugt: Lernen mit anderen Menschen (z. B. in Lernzirkeln) ist eine der ältesten, einfachsten, motivierendsten und wirksamsten Formen von Lernen und passiert sowieso. Es liegt an uns, diese Möglichkeiten auch und gerade im Corporate Learning gezielt und systematisch zu nutzen!

Auch das nächste Thema ist eigentlich so grundlegend, dass ich gespannt bin, wann es in einem Podcast zu Corporate Learning Trends irgendwann als selbstverständlich vorausgesetzt und nicht mehr erwähnt werden muss. Aber WEIL seine Potenziale zum einen immer noch viel zu wenig genutzt werden und zum weiteren Geschäftsmodelle und technische Herangehensweisen noch Möglichkeiten für Innovation bieten, ist es umso wichtiger, dass die vier Diskutierenden ihm breiten Raum geben: Content-Curation! (Dazu fällt mir z. B. auch die #LernXP-Folge mit Stefan Diepolder ein, der auch schon mal im Education Newscast zu Gast war.) „Bleibt Kuratieren ein ewiges Talent?“ fragt Jochen.
Dazu werden in der Diskussion u. a. folgende Aspekte des Kuratierens erwähnt:

  • Kuration unterstützt das Finden passender Inhalte, die Qualitätsanforderungen erfüllen.
  • Kuratierte Inhalte können einen guten Startpunkt für Lernaktivitäten setzen.
  • Kuratiert wird durch Menschen und/oder Algorithmen … aber wie genau?
  • Kuration kann z. B. ganz einfach durch das Folgen von Menschen auf Social Media erfolgen, durch die guten alten Newsletter oder auch sehr gut in Communities.
  • Wie kann kuratierende Tätigkeit monetarisiert werden? (Thomas erwähnt die Plattform Substack)

Uns bieten sich auch in 2022 so viele verlockende Trends und Möglichkeiten im Corporate Learning, dass sich Gudrun und Jochen einig sind: Wichtig ist, zu überprüfen, wo wir stehen, welche Strategie wir verfolgen wollen und wie wir systematisch Schwerpunkte setzen und die Lernmöglichkeiten und Ansätze auswählen und kombinieren können, um unsere Ziele und Visionen zu verfolgen.

Die Podcast-Episode schließt ab mit der Frage nach den persönlichen „Lieblings-Narrativen zum Thema Lernen“. Jochen beschreibt, dass er den Begriff „Lernen aus vielen Dingen rausbekommen“ möchte, weil es doch eigentlich eher um die dahinter stehende Verhaltensänderung ginge: ausprobieren, (anders) machen, umsetzen, experimentieren, im Alltag aufgehen lassen …
Da erwischt Jochen mich an einer Stelle, bei der ich emotional werde. Ich verstehe die dahinterstehende Überlegung natürlich und habe durch Hörensagen auch immer wieder von Menschen berichtet bekommen, die mit dem Begriff „Lernen“ angeblich etwas eher negatives verbinden … 😉 Aber weil mir Lernen (auch) als Wert an sich und als wertvollste Fähigkeit von uns Menschen so sehr am Herzen liegt, möchte ich für „Lernen“ streiten. Ich glaube, ich habe an der einen oder anderen Stelle über die Lernlust geschrieben, die ich verspüre, wenn ich mich auch ohne konkret verwertbares Ziel in neue Lernfelder vertiefen und … eben lernlustig .. auch ohne konkrete Anwendung wieder weiterspringen darf. Oder wie Gudrun ergänzt: „Neugierig bleiben! Mutig sein, in ein Thema reinzuspringen, sich reinzuwühlen und sich dann auch zu freuen …“ Und ich hege die Hoffnung, dass gerade durch dieses Vorgehen auch einiges ‚Verwertbares‘ entsteht.

Gerade heute früh habe ich schmunzelnd einen Tweet und die darunter stehenden Kommentare gelesen, die ich stellvertretend zitieren möchte:

… und deshalb finde ich die Schlussworte von Christoph auch sehr versöhnlich: „Lernen passiert einfach. Man muss es gar nicht tun, sondern es ist der benötigte Nebeneffekt von dem, was man tut.“

Übrigens: Genau heute vor einem Jahr habe ich mit diesem Weblog begonnen … und dem ambitionierten Ziel, im Rahmen der #100DaysToOffload-Challenge 100 Beiträge in einem Jahr zu schreiben.
Heute kann ich feststellen: Formales Ziel verfehlt, bin gerade mal bei 38 Beiträgen angekommen. Aber: Völlig egal, Lernziel erreicht. Und deshalb kann ich mich jetzt vom #100DaysToOffload-Label verabschieden. Vielleicht reaktiviere ich es noch einmal in einigen Tagen, um mich offiziell von #100DaysToOffload zu verabschieden.

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