Oktober 21, 2021

Vor einiger Zeit stieß ich durch eine nahezu hymnische Empfehlung von Michael Trautmann auf das schlanke Büchlein „Die Befreiung der Bildung“ von Stephan A. Jansen mit Michael Ebmeyer.

Das Buch erschien bereits 2018, war mir bisher aber auf keiner der Bücherlisten und -empfehlungen, denen ich so gerne folge, aufgefallen. Ich habe eben noch einmal nachgesehen: In ‚meiner Blase‘ scheint das Buch quasi nicht diskutiert zu werden. Das erstaunt mich aus mehreren Gründen:

Die grundlegende Botschaft des Buches ist eine, die, so vermute ich, sehr viele Menschen aus meinem Netzwerk mit mir und den Autoren teilen, und die ich mit dem ersten und dem letzten Abschnitt des Buches einrahmen möchte.

Einführend …
„Bildung ist Schönheit, Bildung ist Freude, Bildung ist Genuss. Bildung ist ein menschliches Grundbedürfnis, und zwar nicht nur der Bücherwürmer und Neunmalklugen, sondern aller Menschen. Sich zu bilden heißt, die eigene Neugier zu füttern. Diese Gier nach Neuem, mit der jedes Kind zur Welt kommt und die sich niemand freiwillig abgewöhnen würde. Sich zu bilden heißt, die Freiheit unseres Denkens in Gedankengängen zu erkunden und diese neuen Wege zu feiern.“
(S. 7)

… und abschließend:
„Bildet Euch.
Bildet die Sinne.
Giert nach dem Neuen.
Giert nach der Reflexion des Neuen – mit dem Alten.
Mutet Euch das Nicht-Wissen zu!
Feiert die Frage!“
(S.93)

Vielleicht schimmert beim Lesen dieser Ausschnitte schon durch:
Das Buch ist ein Fundus an sehr zitterfähig in Schönschrift gefasste Gedanken darüber, wie wunder- und wertvoll menschliche Lernlust sein kann.

Das ist genau mein Thema … aber auch eins, bei dem ich angesichts der vergeudeten Möglichkeiten und trauriger Irrwege von Lerneinrichtungen immer wieder gedanklich in die Tischkante beiße. Lernen in Schule, Universität oder in Unternehmen: Die Missstände zu sehen und sich daran zu stoßen ist ja leider leider Alltag.
Deshalb empfinde ich den Vorsatz des Autors, keine Streit-, sondern eine Schönschrift schreiben zu wollen, als erfrischend, ermutigend und im Resultat dem Lesevergnügen sehr zuträglich.

„Wir müssen nur zugreifen. Die Chance nutzen. Die Bildung befreien aus der Starre der Über-Formalisierung, der Über-Prüfung, der Verschulung und Verschuldung – und sie stattdessen an dem ausrichten, womit sie beginnt und womit sie steht und fällt: an unserer Neugier.
Dazu möchte dieses kleine Buch ermutigen. Es ist dem Glauben ans Gelingen verpflichtet, der Überzeugung, dass auch das scheinbar hoffnungslos Festgefahrene sich locker machen lässt. Dieses Buch will eine ‚Schönschrift‘ sein.“
(S. 8f)

Es ist verlockend, viel aus dem Buch zu zitieren. Stephan A. Jansen und Michael Ebmeyer sind stilistisch versiert, nutzen gelungene Sprachbilder und klingende Appelle.
Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, für mich besonders interessante Stellen in eigenen Worte zusammenzufassen. Allerdings wirkten meine Paraphrasen gegenüber den Originalzitaten so blass und kraftlos, dass ich mich meist doch wieder auf das Sammeln von Exzerpten beschränkte. Das verrät sicher einiges darüber, wie ich das Buch gelesen und genossen habe.
Die Autoren können mich rhetorisch spielend überzeugen. Dennoch spüre ich, je konkreter sie werden, auch ein sanftes Unbehagen, das ich schwer in Worte fassen kann. Über vereinzelte Passagen, die mich irritieren (insbesondere die sehr praxisnahen am Ende, z. B. Forderung nach höherer Nähe der Wirtschaft zu Universitäten, nach non-formalen Bildungsprogrammen mit Beteiligung von Arbeitgebern etc.) sowie Passagen aus Stephan A. Jansens Wikipedia-Biographie lese ich erst einmal zügig hinweg (… und bin bis jetzt unschlüssig, wie ich damit umgehen soll).

Was ist Bildung und was nicht?

Dieser Frage widmet sich das erste Kapitel.
Was Bildung nicht ist oder sein sollte: Ausrichtung am Defizitären, am Nicht-Wissen, am Lücken-Füllen, am „Auf den Boden der Tatsachen zurückholen“.
Was sie ist oder sein könnte: Darauf will sich die Schönschrift konzentrieren … aufsetzend auf den wunderschönen Zeilen „Ich setzte den Fuß in die Luft, und sie trug“ von Hilde Domin, die im Buch immer wieder erklingen.


DIe Autoren wandern zu verschiedenen europäischen Bildungsbegriffen und den Menschen, die sie geprägt haben … von Meister Eckardt und dem „Erlernen von Gelassenheit“ im theologischen Sinn, natürlich zu Wilhelm von Humboldt („Alle Bildung hat ihren Ursprung allein in dem Innern der Seele und kann durch äußere Veranstaltungen nur veranlasst, nie hervorgebracht werden“), Friedrich Schleiermacher (Bildung als Verbindung von „Gewährenlassen und Behüten“), Shaftesburys „Self-Formation“, Rousseaus perfectibilité … unterbrechen sich dann aber selbst mit dem schönen Hinweis, dass das Buch kein Referat, sondern eine Schönschrift werden solle – und schwenken zurück zum eigenen Bildungsverständnis, das ich selten schöner formuliert las als in folgendem Ausschnitt:

„Wir verstehen Bildung also als einen individuellen, ganzheitlichen und sinnlichen Prozess der Selbstwerdung. Bildung ist Ermächtigung zum eigenständigen Denken und Weiterdenken. Bildung ist Selbstbestimmung und Selbsthervorhebung des Menschen in seiner Autobiografie. Bildung ist unsere gelebte Neugier und unser jeweils ganz eigener Aufbruch ins Ungewisse. Bildung ist nicht das Wissen, sondern die Kompetenz und Kapazität im Umsetzen und Hinterfragen von Wissen – und vor allem die Kunst der Navigation im Nicht-Wissen. Bildung ist unbedingt in dem Sinn, dass ihr nichts außer Frage steht, wie der große Anti-Totalisierer und In-die-freie-Luft-Denker Jacques Derrida sagt.“ (S. 15f)

… um in den folgenden Seiten zu zeigen, wie verschwindend wenig sich daraus in aktuellen Bildungsbegriffen, -systemen und -reformen wiederfindet. Aber (Schönschrift, kleine Streitschrift!) das Kapitel endet mit einem verheißungsvollen Blick darauf, dass jetzt, dank den technischen Wundern der Digitalisierung, endlich die Zeit gekommen ist, in der wir Bildung nicht mehr als Ansammlung von Wissen, Abschlüssen oder einem bestimmten Habitus missverstehen sollten: „Endlich kommen wir auf Bildung als Schönheit und Verheißung zurück. (S. 23)
(Ich denke, ein mutigerer Blick über Digitalisierung hinaus auf die Kultur der Digitalität wäre noch spannender, würde aber den Fokus des Buches ändern.)

Wozu brauchen wir Bildung?

Die Passagen, in denen die Autoren die Entwicklung von Künstlicher Intelligenz mit Bildung kontrastieren und versuchen, Bildung als das heraus zu schälen, das uns Menschen auszeichnet, wenn die Algorithmen das Wissen übernehmen, halte ich argumentativ für eher enttäuschend.
Wenn wir uns natürlich darauf verständigen, dass Bildung mit Wissenswiedergabe nichts zu tun hat, ist es meines Erachtens weder notwendig noch fruchtbar, den Vergleich zwischen Mensch und Maschine immer weiter zu bemühen. 2018 war es vielleicht noch so, „dass Roboter bisher ganz schlecht im Stolpern sind.“ (der Vergleich mit dem Baby, dass durch Stolpern hingegen lernt, kommt zwangsläufig … ), aber ich vermute, die schnellen technischen Fortschritte werden diese Art von Differenzierung immer mühsamer werden lassen (und ich kann mir kaum vorstellen, dass die Boston Dynamics Roboter sich nicht auch aus dem eigenen Stolpern perfektionieren … ?).

Ein weiterer Vorwurf, der Algorithmen ja immer wieder gemacht wird, ist, dass sie nur immer mehr vom Gleichen oder Ähnlichen reproduzieren. Auch die Autoren übernehmen diese Kritik: „Algorithmen im Netz können bisher nur gemusterte Selbstähnlichkeit, aber nicht ungewöhnliche Un-Ähnlichkeit abbilden.“ (S. 26) und nehmen sie als Anlass, sie der wundervollen Serendipität menschlicher Lernlust gegenüber zu stellen: „Bibliotheken funktionieren genau umgekehrt: als zuverlässige Überraschungen, weil das Buch neben dem Buch, also das Nicht-Gesuchte, das gefundene Fressen des nächsten Bildungshungers ist.“ (S. 26) Antibliothek und die Freude der Ablenkung … darüber hatte ich ja z. B. auch in diesem Beitrag geschrieben!

Wie bereits geschrieben: Ich glaube, der Kontrast, den Jansen hier darstellen möchte, wird viel geringer oder verschwindet sogar, wenn wir den Blick auf eine Kultur der Digitalität erweitern und beim Internet nicht nur an Wissensspeicher und Suchmaschinen denken, sondern auch an Referentialität und Gemeinschaftlichkeit (dazu möchte ich immer wieder das großartige Buch von Felix Stalder empfehlen: Kultur der Digitalität!).
Aber als Vehikel, um der Lernlust und der Kostbarkeit menschlicher Bildung Ausdruck zu verleihen, taugt der beschriebene Kontrast natürlich.

Jansen fasst zusammen, für Bildung sei wichtig:

  1. Navigationskompetenz
  2. Bewertungskompetenz
  3. Dramatisierungskompetenz
    (vgl. S. 29)

Navigations- und Bewertungskompetenz erklären sich relativ gut selbst. Ihre Relevanz ist in den Bildungsdebatten Konsens.
Spannend finde ich insbesondere die „Dramatisierungskompetenz“, zu der die Autoren schon wieder mit einer so schönen Beschreibung einleiten, dass ich sie hier zitieren muss:

„Das Ideal des Sich-Bildens ist nicht verkörpert in der Figur der oder des staubigen Gelehrten, sondern im staunenden Kind: Hemmungslos neugierig tastet es sich voran ins Nicht-Wissen. Es feiert die Erkenntnisse, zu denen es gelangt, hält sich aber nicht damit auf. Dauernd stolpert es, aber immer wieder rappelt es sich hoch, und bald schon versteht es, sein Stolpern abzufangen und in nassforsche Weiterbewegung in der freien, tragenden Luft umzuwandeln. Es spekuliert unbändig herum, ist aber jederzeit bereit, von einem selbst erkannten Irrweg abzulassen. Es begeistert sich, aber es lässt sich nicht beeindrucken.“ (S. 32)

Dramatisierungskompetenz verstehe ich hier als die Kompetenz, die eigene Lernlust wieder zu entfachen und sich an ihr zu erfreuen: „Wir brauchen Bildung als Nahrung für unsere natürliche Neugier. (…) Bildung macht Freude – gönnen wir uns das Vergnügen; uns und allen anderen Sich-Bildenden.“ (S. 32). Jansen sieht die Dramatisierungskompetenz „engverbunden mit dem einzigen Imperativ, den wir für die Bildung formulieren wollen: Lass dich von nichts beeindrucken, nicht einmal von Dir selbst“ (S. 33)

Wie gelingt Bildung?

„Wenn Bildung scheitert, liegt es immer am Lustverlust.“ (S. 35). Wieder so ein einprägender Satz, den ich mir aufs T-Shirt drucken könnte, aber auch einer, zu dessen Aussage ich immer wieder diskutieren darf … insbesondere im betrieblichen Lernen: Oft höre ich, Lernen ginge nicht immer nach dem Lustprinzip, manche Fähigkeiten müssten Menschen einfach lernen usw usw usw. . Ich bin allerdings überzeugt, dass Menschen, die keine Lernlust auf ein Thema verspüren, es auch nicht ‚lernen‘ werden. Wir mogeln uns dann durch, mit Wissensanhäufung, mit der Imitation oder Simulation von Gelerntem, aber ohne nachhaltigen Lernerfolg und Verhaltensänderung zum Besseren. Das funktioniert kurzzeitig oft erschreckend gut, ist aber für niemanden sinnvoll. Deshalb mag ich den obigen Satz so sehr.

Das Kapitel „Wie gelingt Bildung“ steht für mich im Zentrum des Buches und beschreibt (noch anschlussfähig offen) sieben „Bereiche, in denen die Neugier freien Eintritt ins System haben sollte“ (S. 36):

  1. Bildung ist Bindung
  2. Sidekicks statt Welterklärer
  3. Bildung in Gesellschaft
  4. Lob des Seitenlernens
  5. Die Räume der Bildung
  6. Mehr Theater machen!
  7. Raus aus der Formalisierungsfalle

Bildung ist Bindung

In Bildung ist Bindung fragen uns die Autoren, an welche begeisternden Bildungserlebnisse aus Schule oder Studium (ich würde gerne auch noch betriebliche Bildung ergänzen) wir uns erinnern können … und vermuten, dass diese meist durch „Zu-Mutungen“, Provokationen … oder auch durch den Halt oder die Komplizenschaft anderer Menschen evoziert wurden.
Ich habe nachgedacht. Traurigerweise fehlen mir für die Schulzeit solche Erinnerungen. Aus dem Studium und erst recht aus den letzten Jahren fallen mir einige ein.
Braucht gelingende Bildung immer Bindungs-Personen? Wahrscheinlich nicht, aber ich bin überzeugt, dass die Be- und Verarbeitung von Lernerlebnissen mit anderen Menschen viele Lernerlebnisse stärkt und oft auch erst ermöglicht. Das erlebe ich jede Woche z. B. in den Lernzirkeln, in denen ich mich engagiere. Insbesondere dann, wenn die anderen Menschen mit mir auf Augenhöhe sind oder sich auf Augenhöhe begeben: Sidekicks statt Welterklärer, der zweiten These von Jansen.

Sidekicks statt Welterklärer

Bei dieser These musste ich an Erfolgsfaktoren von Lernzirkeln denken. Nach meiner Erfahrung funktionieren Lernzirkel gerade dann besonders gut, wenn sich kein:e besonders wissens- und erfahrungsreichen Expert:innen darin befinden, sondern alle Lernenden der Wunsch vereint, von einem geringen Wissens- und Erfahrungsstand ausgehend gemeinsam mehr zu lernen und sich gegenseitig unterstützend zu entwickeln. Ich habe an Lernzirkeln mitgewirkt, bei dem dies nicht so war, sondern die primär durch Impulse von wissenden Lehrmeistern bzw. Mentoren geprägt wurden. Das sorgte zwar für schnellen Fortschritt, nahm mir aber oft die Lust am gemeinsamen Lernen. Zu sehr Schule, zu wenig Fuß in die Luft (oder zu wenig soziale Beziehung zwischen Menschen, die ‚gemeinsam einen Unterschied machen wollen‘?) Wenn Bildung scheitert, liegt es immer am Lustverlust …
Jansen schreibt: „Der Schulmeister oder die Professorin, die scheinbar alles wissen, mögen uns imponieren. Viel stärkeren, nachhaltigeren Eindruck aber hinterlassen Lehrenden, die selbst Fragen haben und diese offenlegen. Denn sie leben uns forschende Bildung vor. (S. 38) und beschreibt als Beispiel Rancières Maître ignorant, den unwissenden Lehrmeister: „Lehren, worin man unwissend ist, bedeutet ganz einfach, Fragen zu stellen dazu, worin man unwissend ist. Man braucht kein Wissen, um derartige Fragen zu stellen. (…) So kann der unwissende Lehrmeister den Wissenden wie den Unwissenden bilden: indem er verifiziert, dass er kontinuierlich sucht.“ (S. 39f).
Braucht es zur Formulierung be- und verstärkenden Fragen einen Wissensvorsprung der formal mit der Lehre betrauten Personen gegenüber den Lernenden? Ich glaube, wenn wir konsequent genug die Möglichkeiten von zeitgemäßem Lernen berücksichtigen, braucht es den (fast) nicht mehr. In keinem Kontext, nicht einmal in reglementierten Prozessen, die es einfach ‚zu befolgen‘ gilt. Allerdings macht es Informationsvermittlung, die oft mit Lehren verwechselt wird, schneller und reibungsloser. Ob das gut ist, ist eine andere Frage.
Mich freut, dass zumindest in beruflichen Lernsettings der Maître ignorant langsam in Form von Lerncoaches, Lernbegleiter:innen, Scrum Mastern etc. die Bühne betritt. …oder wie siehst Du das?

Bildung in Gesellschaft

Gerade das Lernen, das durch gemeinsame Exploration und gegenseitige Resonanz geprägt ist, braucht Gemeinschaft und Gesellschaft. Darum geht es im dritten Bereich: Bildung in Gesellschaft: „Die Bindung im Innenraum des Bildungsprozesses muss einhergehen mit einer Bindung des Bildungsprozesses an die Außenwelt.“ (S. 41) … oder posterkompatibler ausgedrückt: „From ego to eco“.

Ich glaube, hier liegt auch in betrieblichen Lernsettings viel ungenutztes Potenzial: Immer noch planen wir Lernangebote für einen abgesteckten Zeitraum, in dem wir uns zwar selbst oder gemeinsam mit Kolleg:innen weiterbilden, aber die Anwendung im Ökosystem nicht als wertvollen Teil des Lernprozesses mitdenken. All das, was passiert, wenn wir dann in die Anwendung … ’nach draußen‘ … gehen, passiert dann einfach … und verpufft viel zu oft. Im guten Fall haben wir Evaluationswerkzeuge, die Erfolge oder Misserfolge im ‚Ecosystem‘ später ansatzweise sichtbar machen. Aber wir könnten viel mehr erreichen und das Lernen von Anfang an viel ergiebiger und lernlustiger erleben, wenn wir uns bereits in den ersten Schritten hinaus wagen und die Feedbacks von Partner:innen, Kund:innen, Marktbegleiter:innen etc. als wertvollen und dauerhaften Teil des Lernfelds sehen (so wie ich das z. B. in den tollen Dialogformaten der DATEV immer wieder erlebe).
Wichtig ist mir, folgende Passage aus dem Buch zu zitieren, die sich gegen das Missverstehen des ‚Eco‘ als wirtschaftsnahen ‚Praxisbezug‘ richtet: „Die aktive Verankerung der Bildungseinrichtungen in der Gesellschaft soll keiner schnöden ‚Verwendbarkeit‘ der Sich-Bildenden dienen. Sie soll dem konsequent individualisierenden Ansatz der befreiten Bildung den Rahmen geben. Indem wir unserer Neugier folgen, setzen wir den Fuß ja nicht in einen luftleeren Raum, sondern in die Luft der Welt, die uns umgibt.“ Diese Passage versöhnt mich etwas mit den Forderungen der Autoren im letzten Teil des Buches … die für mich entweder einen Bruch zu dieser Aussage darstellen oder die ich einfach missverstanden habe?

Lob des Seitenlernens

Wie auch in den ersten drei Bereichen widmen sich Jansen und Ebmeyer im vierten Bereich „Lob des Seitenlernens“ der Beziehung zwischen Lehrenden und Lernenden:

Jansen nennt verschiedene Beispiele, wie sich Organisationen und Strukturen (Unternehmen, Tierschwärme, Communities, technischen Strukturen, Wissenschaft, …) bereits seit langer Zeit heterarchisch organisieren. Jansen bezeichnet Lernprozesse, die weniger zwischen übergeordneten Lehrenden und untergeordneten Lernenden stattfinden, sondern gemeinsam, „Seite an Seite“, mit dem schönen Begriff „Seitenlernen“: „Indem wir, Seite an Seite, gemeinsam ins Ungewisse aufbrechen, inspirieren wir einander bei unserer Bildung“ (S. 43) … und zwar in einem permanent wechselseitigen Prozess, in dem die Rolle derjenigen, die einen Schritt nach vorne getan haben und derjenigen, die sich daran orientieren und nachziehen, permanent wechselt.
Über das Konzept von „Heterarchie“ finde ich sehr viele Quellen, mit denen ich mich auseinandersetzen möchte … beginnend z. B. mit den verschiedenen Artikeln von Markus Reihlen:

Ich habe mich jetzt einige Zeit sehr fasziniert quer durch verschiedene Ansätze gelesen (bis hin zu Texten des Kybernetikers Warren McCulloch, der den Begriff zum ersten Mal genutzt hat), muss die weitere Beschäftigung damit aber auf später verschieben, sonst wird dieser Beitrag nie fertig 😉
Wie ergänzen sich Heterarchie und Anarchie? Wirearchy als Alternative zu Heterarchie … aber ‚unter dem Radar‘ und ohne Hierarchie in Frage zu stellen? Hmmm … hier habe ich gerade noch sehr viele verlockende Fragezeichen, und freue mich, für mich mehr Klarheit in die verschiedenen Ansätze zu bringen, die formale Macht (alleine …) als nicht mehr produktiv ansehen.
Hier bin ich auch auf das spannende Weblog von Bas Reus gestoßen, das mir sicher bei einigen Fragen weiterhelfen wird.

Die Räume der Bildung

Weiter gehts mit dem fünften Bereich, der Bedeutung von „Räumen der Bildung“ … aufgeschlüsselt in Innen-, Außen- und Zwischenräume.
Dem vorangestellten Zitat des wunderbaren Pädagogen Loris Malaguzzi bin ich in letzter Zeit oft begegnet und freue mich immer wieder darüber: „Der Raum ist der dritte Pädagoge“ (… Malaguzzi bezeichnet ja passend zum vorherigen Konzept des Seitenlernens auch nicht die Lehrenden als die ersten Pädagogik:innen, sondern die Mitschüler:innen!).
Jansen und Ebmeyer schreiben über vernachlässigt bröckelnde und phantasielose Lehranstalten, die rein gar nichts tun, um ihrer Aufgabe als dritte Pädagogen gerecht zu werden und darüber, wie Raumgestaltung genutzt werden kann, um Lehranstalten zu „Anregungsarenen“ mit Aneignungspotenzial“* werden zu lassen: „Um uns in unserer Neugier zu entfalten, brauchen wir Räume, die zugleich solide und offen sind; Räume, die unsere Sinne inspirieren.“ (S. 47)

Und nicht nur Innenräume lassen Lernen gelingen … genau so trifft dies auch auf Zwischen- und Außenräume zu. Jansen und Ebmeyer beschreiben verschiedene Räume der Aneignung, Reflexion und Anwendung: Überall da, wo wir die tristen Schul- und Seminarräume verlassen: „Diese Zwischenräume markieren den Transit vom Auswendiggelernten zur außerhäusigen Erprobung. Bildung erlangt man in der (Rück-)Bindung an die Gesellschaft, und d.h. immer wieder auch ganz konkret, dass die Bildungsimpulse beim Überschreiten der gewöhnlichen Lernräume entstehen.“ (S. 49)
Ich denke dabei auch an Lernen in der Natur, beim Spazierengehen, bei Walk and Talks … über das Thema hatte ich bereits vor einiger Zeit schon mal geschrieben.
Und ich denke an einen Abschnitt aus Söhnke Ahrens Zettelkasten-Buch, in dem er auf die Forschung von Bjork und den darin beschriebenen Möglichkeiten hinweist, durch das Setzen von Ankern (z. B. beim Spazierengehen) Erinnerung wieder ins Gedächtnis zu holen:


Dieses Phänomen begeistert mich übrigens so sehr, dass ich mich vor einigen Tagen darüber mit meinen Kolleg:innen Axel Lindhorst und Susanne Dube im Lernlust-Podcast unterhalten habe:


„Wanderungen wandeln einen, hallen nach, lassen mentale und geographische Landkarten zu Landschaften des Lernens werden. … Der Tapetenwechsel beim Sich-Bilden regt zu neuen Architekturen des Denkens an. Inspiriert vom erweiterten Raumgefühl und von der Bewegung, wird das Denken selbst beweglicher und plastischer. Unsere neuronale Produktivität steigt an.“ (S.50)

Mehr Theater machen

Oben bin ich ja schon auf die Dramatisierungskompetenz eingegangen, die für gelingende Bildung so wichtig sei … der Fähigkeit, die eigene Neugier und Lernlust zu feiern … und die eigenen Unterschiede.
Jansen und Ebmeyer verweisen dafür auf Gregory Bateson und sein berühmtes Zitat: „Unterschiede, die einen Unterschied machen“. Es gehe darum, „Heterogenität zu fördern, anstatt sie zu unterdrücken. Wenn Bildung gelingen soll, darf sie institutionell gerade nicht vereinheitlichen. Sie muss die Unterschiedlichkeiten der Sich-Bildenden, die Vielfalt ihrer Herkünfte, Interessen und Lernwege voraussetzen und entsprechend flexible Modelle anbieten.“ (S. 52)

Gerade jetzt fällt mir auf, wie sehr der „Mehr Theater machen“-Abschnitt und seine Forderung für mein aktuelles Lernziel im Rahmen des #LearningCircleDiversity passt. Hier möchte ich Ansätze und Methoden sammeln, um das Potenzial der Diversität von Lernenden nicht nur zu akzeptieren oder in Bezug auf die Erreichung von vorab definierten Lernziele aufzunehmen, sondern es selbst als größten Schatz zu sehen, der im Lernraum vorhanden ist. Wie machen wir sichtbar, was die Menschen im Lernraum an Erfahrungen, Können und Begehren mitbringen … und wie machen wir das Beste aus diesem Schatz? Ein bisschen angelehnt an Nadja Petranovskajas No Agenda Ansatz? Oder an Effectuation? Ich werde sehen, wohin ich meine Gedanken weiterspinne, denn wir sind ja erst in Woche 2 unseres Lernzirkels.

Raus aus der Formalisierungsfalle

Wenn wir der einödenden Ignoranz unserer wunderbaren Vielfältigkeit entgehen, entkommen wir fast wie von selbst raus aus der Formalisierungsfalle – der letzten These der beiden Autoren: „Weg vom Abschluss, hin zum Anschluss“ (S. 54) … passt gut zu „From ego to eco“ aus der dritten These.
In einer Welt, in der das Befolgen vorgegebener Lösungswege immer geringere, das Erkennen von Problemen aber immer größere Relevanz erhält, wird das Bewerten von Lösungen immer aussageloser: „Die klassische Schulnote ist genau wie ein Börsenwert: eine extreme und damit ebenso verlockende wie verdunkelnde Trivialisierung; eine Ungeheuerlichkeit, wenn sie zur Bewertung und Einstufung des sich bildenden Individuums dienen soll“ (S.55)
Beim Thema Notengebung werde ich schnell emotional, weil ich nicht nur die Trivialisierung, die Ignoranz der vielfältigen Potenziale von Lernenden, sondern auch die damit verbundene und für mich schwer erträgliche Form der Machtausübung dadurch gerade im Schulalltag unseres Sohnes miterlebe (er ist diesen Sommer in die dritte Klasse gekommen und der Noten-Irrsinn beginnt …). Ich verfolge mit Interesse die Inhalte, die Philippe Wampfler unter dem Hashtag #NotenAde zum Thema schreibt und freue mich auf sein bald erscheinendes Buch.

Aber ich schweife ab … zurück zur Formalisierung. Dass auch für Arbeitgeber nicht Abschlüsse, sondern „Anschluss-Fähigkeiten“ (S. 57) relevant sein sollten, ist fast schon ein alter Hut … wenn auch nicht überall, wie ich feststellen muss, wenn ich für Ausschreibungen im öffentlichen Sektor meine Abschlüsse und Zertifikate bis hin zu Volkshochschulkursen aus den 1990ern heraussuche.
Dabei sind doch gerade die Volkshochschulen nicht wegen der dort zu erlangenden Abschlüsse so wertvoll, sondern weil es befreiende „Anregungsarenen“ sind, betonen die Autoren: „Hier bildet man sich zwanglos. Das Kursangebot reicht von bieder bis abgedreht, von traditionell bis esoterisch. Es ist niederschwellig und erschwinglich. Hier darf die Neugier sich entfalten, dafür bleibt der Bildungsdünkel endlich mal draußen.“ (S.58)

Jansen und Ebmeyer schließen das Kapitel „Wie gelingt Bildung?“ zusammenfassend optimistisch:
„Das schulische Lernen, in einer heterarchisierten und flexibilisierten Form, wird als Fundament erhalten bleiben. Dieses Fundament aber wird Anschlussmöglichkeiten für die unzähligen, verzweigten Wege des informellen und individuellen (Weiter-)Lernens und (Weiter-)Forschens bieten – und Freiraum für die Entwicklung und Verfeinerung sämtlicher Bildungs-Sinne.“ (S.58)

Renaissance der Sinne

Das Kapitel „Die Renaissance der Sinne“ lese ich wie eine Zusammenfassung und Sortierung des bisher geschriebenen.
Die Autoren zählen die „sieben Sinne“ auf, „die man beim Sich-Bilden beisammenhaben sollte und die sich durch Bildung schärfen lassen“ (S. 61):

  1. Eigensinn und Gemeinschaftssinn
  2. Orientierungssinn und Irritationssinn
  3. Realitätssinn, Möglichkeitssinn – und Übersinnliches
  4. Orts-, Körper- und Mediensinn
  5. Froh- und Wahnsinn
  6. Freiheits- und Verantwortungssinn
  7. Gesellschafts- und Geschäftssinn

Ich gehe nicht auf alle Sinne ein, sondern nur auf die Ideen, die mich besonders neugierig gemacht haben und die ich weiterverfolgen möchte:

In Eigensinn und Gemeinschaftssinn geht es um das Zusammenspiel der individuellen Schutzräume mit „mäeutischen Gruppen“, in denen diverse Individuen anderen Individuen beim Gebären ihrer Gedanken helfen:
„Gerade in der Vielfalt und Vielschichtigkeit der Gemeinschaft kann man beim Sich-Bilden die eigene Resonanzfähigkeit ausprägen und erschließen.“ (S.62)
„Es geht … um die Schaffung einer kleinen Gesellschaft, in der das Seitenlernen blühen kann und die Heterogenität der Gruppe die Feier der individuellen Neugier begünstigt.“ (S. 63)

In Orientierungssinn und Irritationssinn fassen die Autoren den Dreischritt aus „Rekonstruktion, Dekonstruktion, Konstruktion“ zusammen. Erkennen von Problemen, nicht Befolgen von Lösungswegen. Mehr Dissenz, weniger Kanon. Der Wert des Zweifelns. Aber dass sie daraus in wenigen Sätzen eine „Überlegenheit des europäischen Überlegens“ (S. 64) behaupten, hat mich verärgert.

Kennst Du die Improv-Übung „Ja genau, und dann …!“?
Ich nutze sie gerne, um Menschen in Workshops ins Spinnen zu bringen. Was könnte möglich sein, wenn wir aufeinander aufbauen?
An diese Übung musste ich beim Lesen des Abschnitts Realitätssinn, Möglichkeitssinn – und Übersinnliches denken. Es geht um Konstruktivismus, um das Arbeiten mit future realities und mehr …

Was können wir anders machen?

Wie oben bereits beschrieben: Das letzte Kapitel mit ganz konkreten Vorschlägen, wie wir die wundervolle Schönschrift in die Praxis verhelfen, lässt mich … wahrscheinlich auch, weil es sehr komprimiert ist und die einzelnen Vorschlägen nur knapp verargumentiert werden … manchmal etwas ratlos oder irritiert zurück. Da ihm die Poetik der vergangenen Kapitel fehlt, habe ich auch nur geringe Lust, die Vorschläge hier noch weiter zusammenzufassen … bei Interesse rate ich dazu, selbst ins Buch zu blicken … und natürlich freue ich mich über Deine Hinweise und Erhellungen zu meinen manchen Stirnrunzeln:

  • Vorschulpflicht ab dem dritten Lebensjahr … hmmm, ich verstehe die Idee hinter der Forderung nach einer „Anregungsarena mit Heimschlaferlaubnis“ für alle und der damit verbundenen Hoffnung auf eine Abschwächung von Bildungsungerechtigkeiten, aber, nein, dazu muss sich sowohl an „Vorschule“ als auch an „Pflicht“ so vieles ändern, als dass ich die Forderung in wenigen Sätzen gutheißen mag.
  • Umdrehen der Finanzierungspyramide der Bildung (Geld geht aktuell vorrangig in weiterführende Bildung … das muss sich ändern) … diese Forderung kann ich nachvollziehen. Hybride Finanzierung in Form u. a. von „Matching Funds“ … da fehlt mir Hintergrundwissen.
  • An örtliche/gesellschaftliche Gegebenheiten angepasste Bildungsförderung im Sinn einer befreiten, auf lokale Besonderheiten eingehende Bildung
  • Duale Ausbildung reformieren
  • Bildungsberufe attraktiver machen
  • Möglichkeiten von Individualisierung der Bildung nutzen und fördern … diese Forderung resoniert sehr in mir: „“Die Schule hört auf, Anpassung im Denken zu belohnen, und fördert stattdessen das Widerständige: ‚Gehe deinen eigenen Weg, aber hinterfrage dich dabei auch konsequent selbst.‘ Widerstand und Widerspruch werden als integrale Aspekte von Bildung aufgefasst und nicht als Störfaktoren, die es zu unterdrücken gilt.“ (S.85)
  • Neugier und Wissenshunger nachfrageorientiert fördern, mit problem-based learning: „Feiert die Frage!“

Weitere Forderungen richten sich ausdrücklich an Arbeitgeber, z. B.

  • Betriebliche Weiterbildung und „Lebenslanges Lernen“ muss neu gedacht und umgesetzt werden
  • Lob der Übernahme/Automatisierung von Arbeit durch Maschinen. Frei werdende Zeit für „Wiederentdeckung der Kreativität“ und „Corporate Volunteering“
  • Seltsame Vibes bekomme ich bei der Idee, dass Arbeitgeber non-formale Wissensangebote mit Hochschulen ko-finanzieren könnten. Da bin ich zu sehr dem Ideal verhaftet, dass Lernen an Schulen und Universitäten möglichst frei von wirtschaftlichen Interessen erfolgen sollte … so wie es die Autoren ja auch weiter oben selbst fordern.
  • Reform-Pädagogik ausprobieren
  • „Work-Life-Balance“ ist nicht die Antwort: „Es gibt nur eine Empfehlung, um nicht zu verbrennen: die Bildung eines Lebens, in dem die Arbeit kaum mehr als Arbeit wahrgenommen wird, sondern als Berufung und als Bildung.“ (S.92)

Meine abschließenden Gedanken

Das Hangeln durch meine Lektürenotizen und Zusammenfassen und Erweitern in diesem Beitrag wurde deutlich länger und hat auch deutlich länger gedauert, als ich dachte.
Das Buch legt so viele Fährten zum Nachverfolgen, dass es mich noch einige Zeit beschäftigen wird.
Beim Tippen an diesem Text habe ich eine Sammlung mehrerer Texte zum Thema Bildung aus postkolonialer Perspektive gelesen, die meinen Blick auf das Buch von Jansen und Ebmeyer wiederum erweitern und auch verrücken: „Bildung. Ein postkoloniales Manifest“, herausgegeben vom bildungsLab*.
Vielleicht fasse ich einige Ideen dazu in einem zukünftigen Beitrag zusammen.
Aber ganz im Sinn von #100DaysToOffload und #LernenDurchSchreiben veröffentliche ich diesen Beitrag jetzt erst einmal als aktuelle Lern-Notiz. Denn dieser Blog soll ja auch Werkstattbericht sein: Was beschäftigt mich, was treibt meine Neugier, wonach suche ich noch und wo möchte ich weiter lernen?

In diesem Sinn:

Giert nach dem Neuen.
Giert nach der Reflexion des Neuen – mit dem Alten.
Mutet Euch das Nicht-Wissen zu!
Feiert die Frage!“
(S.93)

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