Februar 8, 2021

Das ist Beitrag 16/100 der #100DaysToOffload-Challenge. Mein Ziel ist, hier mindestens 100 Beiträge im Jahr 2021 zu schreiben. So möchte ich für mich das Bloggen zur Gewohnheit machen.

Vor einigen Tagen hat Microsoft eine neue Plattform namens „Viva“ angekündigt.

Da sich in meinem Netzwerk darüber gerade große Begeisterung zu entfalten scheint, die ich verstehe, aber nicht uneingeschränkt teile, versuche ich in diesem Beitrag, meine ersten Eindrücke, Gedanken und Fragen darüber zu sammeln, die die Ankündigungsvideos und -artikel von Viva in mir aufgeworfen haben.

Standbild eines Trailervideos auf meinem iPhone

Ich hatte bisher keine Gelegenheit, Viva in Funktion zu sehen oder zu testen – abgesehen von der Insights-App in Teams, die mir ohne die Workplace Analytics Funktion aber bedingt hilfreich zu sein scheint:

Deshalb beziehe ich mich aus ausschließlich auf das, was Microsoft sowie verschiedene hier erwähnte Quellen darüber berichten.

Ich bin überzeugter Anwender einer Vielzahl von Microsoft-Produkten und halte die Etablierung des MS365-Universums in Organisationen prinzipiell für einen einfachen, niederschwelligen und mächtigen Weg, eine gute Form der Zusammenarbeit und des Lernens von- und miteinander toolseitig zu fördern (für die Anwender*innen .. zur IT-Perspektive kann ich nichts sagen). Ich habe Lernkonzepte erarbeitet und umgesetzt, die auf dem Einsatz von Yammer, Teams und Stream aufbauen. Ich bin ein großer Befürworter von ‚Hands-On‘-Learning-Lösungen unter Verwendung von Tools, die in der Organisation bereits verfügbar sind und ich produziere gerne Lerninhalte z. B. mit Powerpoint oder Forms. Ich finde den Service Adoption Ansatz von Microsoft extrem wertvoll und bediene mich gerne aus dessen Toolbox. Und ich vergleiche gerne auf einem nicht-technischen Niveau, welche möglichen Auswirkungen die Verfügbarkeit oder Nicht-Verfügbarkeit von Tools und Features auf die Interaktionen von Menschen in Organisationen haben könnte.

Dennoch: Es gibt Aspekte und Tonalitäten in den Ankündigungsmaterialien zu Viva, die mich persönlich erstaunen. Vielleicht fehlt mir zu einigen Punkten Hintergrundwissen oder ich interpretiere Dinge hinein. Deshalb gilt für diesen Beitrag genau wie für alle andere Beiträge im Rahmen meiner #100DaysToOffload: Ich freue mich ganz besonders darüber, wenn der Beitrag Beginn einer Diskussion sein darf und wir zu den von mir verspürten Irritationen oder nicht gesehenen Chancen in Austausch kommen.

Black Mirror: Next Episode

Das erste Medienprodukt, das ich zu Viva sah, war der „The Future of Employee Experience“ Trailer, den Microsoft im Presse-Kit zu Viva verlinkt hatte:

Wahrscheinlich war dessen Ästhetik Auslöser für die spontane Assoziation zur britischen Fernsehserie Black Mirror, in der jede für sich stehende Folge die Auswirkungen von Technologie auf unsere Gesellschaft spekulativ skizziert. Das sieht dann in vielen Folgen einfach ganz genau so aus wie im Microsoft-Video. Das Overacting. Die Szene vor dem Spiegel. Die Perfektion der Menschen und Kulissen. Der Fokus auf den mobilen Endgeräten. Die schwebenden Screens und Hologramme. Die Typo.

Dem abschließenden Appell des Videos möchte ich prinzipiell zustimmen, merke aber beim Tippen, dass ich mich an mehreren Formulierungen störe: „It’s within our grasp to treat people als people, to support them, to help them feel connected and to give them tools and innovative ressources that truly empower them“. Ein echtes Empowerment sollte in meinen Augen ohne Vor-Gabe von Tools und Ressourcen eines in sich geschlossenen Hersteller-Universums und ohne notwendiger Hilfe zum „feel connected“ stattfinden, sondern besser in Richtung Frei-Gabe von Ressourcen und Abbauen von Barrieren ausgerichtet sein …? Und dass „to treat people als people“ erst dank Microsofts neuer Employee Experience Plattform in greifbare Nähe gerückt ist, … das nehme ich als Werbesprech.

Ich war neugierig, und habe mir direkt die Videos zu den einzelnen Viva-Tools angesehen.

Viva Connections: Ausspielen von Informationen

Vielleicht habe ich ein grundlegendes Problem: In den meisten Videos, die ich gesehen habe, spüre ich weiterhin eine Haltung des ‚Manager geben ihren Mitarbeitenden das, von dem sie glauben, dass ihre Mitarbeitenden es brauchen sollen‘ anstelle eines meines Erachtens zeitgemäßeren ‚Wir ermöglichen den Menschen in unserer Organisation, sich so zu organisieren, dass sie sinnvoll arbeiten können und unterstützen sie mit der bedarfsgerechten Verfügbarkeit von Tools‘.

Was mir an den Viva Connections Videos gefällt: Der Fokus auf der Mobile Experience. In der Bildsprache tauchen immer wieder Frontline Worker auf. Es gehe darum, ALLE Mitarbeitende mit den für sie relevanten Informationen und Tools zu versorgen und ihnen Anschluss an Communities zu ermöglichen. Die durch die Videobilder implizierte Botschaft, dass Teil meiner persönlichen, durch Connections gebündelten Experience die Auseinandersetzung mit den Diskussionen meiner Team-Kolleg*innen ist.

Was ich ebenfalls interessant finde: Die Integrationsmöglichkeit beliebiger Drittanbieter-Datenquellen, die Josh Bersin betont: „As a next-generation portal, Connections could become an integration point for just about every employee-facing app. (…) The Microsoft Viva Connections app will connect to anything.“

Das stärkt auch meine Hoffnung, dass im Connections-Stream nicht primär ausgespielte ‚Tones from the top‘ auftauchen, Botschaften des Managements an die Mitarbeitenden, sondern dass, was Menschen im Arbeitskontext interessiert und unterstützt, in Abstimmung mit ihren Kolleg*innen einen guten und als selbstwirksam empfundenen Job zu machen. Kantinen-Speisepläne beispielsweise 😛 …. oder das, was Kolleg*innen in ähnlichen Arbeitskontexten wie dem meinen gerade beschäftigt.

Aber dann noch dieser eine Satz: „All your employees will have a streamlined experience for tackling those important tasks. Help them make the most of their precious time throughout the day, before they need to return to helping customers or building products.“ Vielleicht auch wieder Interpretationsspielraum, aber ich sehe einen Unterschied in der Bereitstellung von … ‚Pausenbeschallung‘ und arbeitsrelevanten, arbeitsunterstützenden Tools.

Viva Learning: Kuratieren und sichtbarmachen, zuweisen und kontrollieren

Die größte Neugier empfand ich gegenüber Viva Learning. Ist es eher eine Art LMS oder wird es LXP-Ansätze integrieren? Ist es eine Content-Ablage oder fördert es Mechanismen des sozialen Lernens?

Was ich großartig finde: Mit Viva Learning besteht die Chance, formale Lernaktivitäten gefühlt sehr nah an den Arbeitsfluss der Lernenden heranzuführen – ohne Plattform- und Toolwechsel, ohne Logins. Ohne das Gefühl, sich jetzt auf ein überformalisiertes, zugewiesenes und getracktes LMS-Territorium zu begeben ……? Für manche Lernenden mag die Integration der Lerninhalte in ihre Arbeitsumgebung Hemmungen und Vorbehalte gegenüber ‚unproduktivem‘ Lernen reduzieren?

Etwa bei der Hälfte des Videos werden allerdings die Möglichkeiten angesprochen, dass Manager Inhalte „assignen“ können, „to help adress the skills gap while driving an agile workplace“. Dieses Manager können dann nachverfolgen, welche ihrer Mitarbeitenden die ihnen zugewiesenen „Learning tasks“ bereits zu welchem Level bearbeitet haben – offenbar auf individueller Ebene. Auch die Mitarbeitenden sehen jederzeit „their assigned learning tasks.“
Das entspricht der Realität und den Anforderungen in den meisten Organisationen und adressiert sicherlich etablierte Erwartungen an eine Lernplattform.

Es ist wertvoll, dass Lerninhalte aus verschiedenen Quellen in den angeboteten Katalog überführt werden können. (Gespannt bin ich darauf, welches Gatekeeping hier vorgesehen ist …). Sicher wird das die Kuration formaler Online-Lernmaterialien für das individuelle Lernen fördern. Und so werden tolle neue Möglichkeiten geschaffen, User Generated Content der Menschen im Unternehmen sichtbar zu machen, zu empfehlen und zu verteilen.

Aber die Priorisierung des alten Zuweisens von Content durch das (mehr wissende) Management und Controlling auf Individualebene hat mich an dem Video irritiert. Das hat m. E. weder etwas mit einem „agile Workplace“ noch mit „Aufbau einer Lernkultur“ zu tun.

Vor langer Zeit, auf der Learntec 2020, hatte Lennard Jerusalem von Haufe in einem Interview mit Karlheinz Pape aufgeführt, welchen LXP-Ansatz Haufe intern verfolgt. Eine Aussage von ihm ist mir damals ganz besonders hängengeblieben: Er betonte (hier ab Minute 40:30), dass die Lernenden sich im LXP frei, ohne Auswertung und ohne formale Assignments durch Führungsverantworliche bewegen. Bei verpflichtenten Inhalten, deren Bearbeitung dokumentiert werden soll, springen die Lernenden bewusst in das LMS ab. Schon allein durch den Plattformwechsel werde deutlich gemacht, dass sie sich ab sofort in einem getrackten Bereich befänden. Dieser Ansatz war mir sehr sympathisch, scheint der Integration of Everything durch Plattformen wie Viva aber entgegenzustehen.

Viva Insights: Übergriffigkeit oder „Wellbeeing“ dank Datenauswertung?

Insights ist die einzige App, mit der ich wirklich große Probleme habe. Ich möchte nicht in einer Organisation arbeiten, in der ihr Funktionsspektrum ausgeschöpft wird.

Als Microsoft Ende letzten Jahres den Productivity-Score mit den unsäglichen personenbezogenen Auswertungsmöglichkeiten ankündigte, hagelte es Kritik und Microsoft hat in der Folge kommuniziert, keine Auswertung mehr auf Individual-Ebene anzubieten.

Mit Insights, so befürchte ich, könnten ähnlich seltsame datenbasierte Ableitungen zurückkommen. Möchte Microsoft wirklich behaupten, anhand der Zeit, die wir zu welchen Tageszeiten mit welchen Anwendungen und Kolleg*innen verbringen, Rückschlüsse auf Anfälligkeit für Burnout etc. vorhersagen zu können oder die Produktivität von Menschen zu bestimmen? „Quickly discover opportunities to prevent burnout, promote coaching and development, and boost engagement.“ Auf einem Dashboard, auf dem einem*r Manager*in angezeigt wird, welcher Prozentsatz der Team-Mitglieder nach Feierabend arbeitet und mit anderen Kolleg*innen kommuniziert. Per Klick, so suggeriert mir das Video, kann der*die Manager*in dem Team einen Plan anbieten, Interaktionen nach Feierabend einzuschränken. Das erinnert mich dann doch eher ein bisschen daran, die E-Mail-Server beim Erklingen der Feierabendsirene herunterzufahren … 😉

In der Pressemitteilung geht Microsoft in einem längeren Block darauf ein, dass personenbezogene Daten umfassend geschützt und nur den Mitarbeitenden selbst zugänglich seien. Aber: „Viva Insights ermöglicht Führungskräften, Entwicklungen auf der Team- und Organisationsebene zu erkennen und bessere Arbeitsbedingungen zu schaffen. Diese werden aus aggregierten und anonymisierten Daten gewonnen, um die Privatsphäre der Mitarbeiter*innen zu schützen und keine Rückschlüsse auf einzelne Personen zu ermöglichen. Zudem ist für eine Datenanalyse, die Führungskräfte für ihr Team durchführen möchten, eine Mindestgröße von zehn Personen notwendig.“

Angenommen, das würde wirklich so sicher funktionieren, wie angekündigt (wobei … ein Team von 10 Personen scheint mir eine sehr kleine Menge für wirkungsvolle Anonymisierung). Besser wäre es aus meiner Sicht allemal, die Daten würden erst überhaupt nicht erhoben.

Viva Topics: Unterstützung in der Erstellung von Wissenslandkarten?

Das Tool, von dem ich mir auf Basis der Vorstellungen einiges verspreche, ist Topics. Ich foffe, dass Topics ein weiterer Schritt in eine rhizomatische Wissensaufbereitung, -darstellung, -fortschreibung und -verfügbarmachung sein könnte. Dank der Connectoren mit Wurzeln auch in Informationsquellen außerhalb des Microsoft-Universums hinein … Und ich mache mir Hoffnung, dass durch Viva Topics (in Kombination mit Viva Learning) die Potenziale von Kuration verstärkt ins Blickfeld von Organisationen geraten.

Anderseits auch hier der Aspekt, an dem ich mich immer wieder aufhänge: Wie kann Viva Topics als „Wikipedia für Ihre Organisation“ bezeichnet werden, wenn Manager*innen diejenigen sein sollen, die kuratieren, editieren, freigeben und …. Expert*innen empfehlen, „so they can shape the flow of knowledge throughout your organization“? Genau das alles sollte in der Hand aller Menschen in der Organisation verhandelt werden. Ich bin neugierig, welchen Effekt die angekündigte KI-Unterstützung haben wird.

Rückzug in die Organisation?

Jochen Robes zieht im Weiterbildungsblog noch ein weiteres Fazit, dass mir persönlich sehr am Herzen liegt: „Das Versprechen einer zentralen Plattform, die Ordnung schafft, spricht immer an. Aber sie schafft Abhängigkeiten. (…) Und sie steht neben Alltags-Plattformen, auf denen heute viele unserer Netzwerk- und Projekt-Aktivitäten stattfinden.“

Daraus ergibt sich für mich eine Frage, die ich nicht unbedingt nur Viva, sondern auch anderen …Experience Plattformen stelle:

Wenn sämtlicher Content, alle menschlichen Interaktionen, alle Möglichkeiten der Serendipity etc. ins organisationsinterne Microsoft-Universum integriert werden: Welche Wege gehen wir dann, um über Impulse von Menschen außerhalb unserer Organisation zu stolpern?

Ich lasse mich gerne eines besseren belehren … aber in der Vergangenheit habe ich Microsoft-Tools oft so erlebt, dass sie innerhalb der eigenen Organisation exzellent funktionieren, die Möglichkeiten der Kollaboration mit organisationsexternen Partner*innen dafür aber stellenweise schwierig war.

Ich bin sehr gespannt, ob oder wie z. B. die Möglichkeiten der organisationsübergreifenden Vernetzung über die ja ebenfalls Microsoft gehörenden LinkedIn-Plattform integriert werden.

Vereinfacht ausgedrückt: Arbeit&Lernen bedeutet für mich heute nicht mehr, sich nur mit organisationsinternen Kolleg*innen zu vernetzen und auszutauschen. Viele wirklich wertvollen Impulse müssen von außerhalb kommen, aus sehr diversen Quellen, Blasen und Kontexten. Bei digitalen Plattformen z. B. von LinkedIn, aber auch von Twitter, von Mastodon, aus Meetups, Blogs, Foren usw.

Ich hoffe, der Rückkanal zu den Quellen, aus denen Inhalte und Diskurse aggregiert werden, bleibt auch bei Viva bespielbar. Denn sich Content in die organisationsinterne Plattform ‚hineinzusaugen‘, den kommunikativen Rückkanal nach draußen aber zu kappen oder eben nicht mit in die Diskussion und Weiterbearbeitung des Contents zu integrieren, scheint mir ein langfristig wenig effektiver Weg. So laufen wir Gefahr, zu leechern zu werden: Zu Konsumenten, die nur abgreifen, aber nicht teilen.

Nach wie vor dient mir Harold Jarches Seek>Sense>Share Modell als großes Vorbild (eigentlich in fast allen Zusammenhängen, merke ich immer wieder :D), weil es die Notwendigkeit von Durchlässigkeit, Zusammenspiel und beständig aktualisierter Sinnstiftung durch serendipitäre Social Networks, durch Communities of Practice und Work Teams beschreibt.

Thomas Tillmann hat auf LinkedIn darauf hingewiesen, „dass MS aufpassen muss, nicht den Fehler der klassischen LMS-Anbieter zu wiederholen, nämlich zu denken, es gäbe künftig genau einen digitalen Ort für das Lernen, der selbstverständlich das eigene Tool ist. ‚Lernen 360 Grad‘ heisst eben auch, dass ein breites Spektrum von Tools genutzt werden wird. Viva wird sicher ein Baustein sein.“ Ein breites Spektrum an Tools, mit einer diversen Vielfalt an Menschen, die sie nutzen.

Soweit zu meinen ersten Gedanken. Welche Fragen, Ideen und Hoffnungen kommen Dir zu Viva? Ich freue mich auf den Austausch mit Dir!

#100DaysToOffload: Wenn Du wissen willst, warum ich diesen seltsamen Hashtag so oft verwende, lies Dir gerne die Erläuterungen zur Challenge auf https://100daystooffload.com/ durch. Vielleicht hast Du auch Lust, mitzumachen?

Your email address will not be published. Required fields are marked

{"email":"Email address invalid","url":"Website address invalid","required":"Required field missing"}