Januar 5, 2021

Das ist Beitrag 2/100 der #100DaysToOffload-Challenge. Mein Ziel ist, hier mindestens 100 Beiträge im Jahr 2021 zu schreiben. So möchte ich für mich das Bloggen zur Gewohnheit machen.

Ein altes Weblog … aber kein richtiges?

Im letzten Beitrag schrieb ich bereits, dass das Bloggen für mich nicht ganz neu ist. Als Student hatte ich mich darin bereits einige Zeit geübt, allerdings in ganz anderem Kontext. Gerade habe ich den dicken, verstaubten, mittlerweile von Rostflecken durchzogenen Aktenordner aus dem Regal gezogen, in dem die Texte von damals archiviert sind. Lange lag er im Keller meiner Eltern. Letztes Jahr habe ich ihn dort gefunden. Die Festplatte mit den digitalen Daten ist mittlerweile wohl verloren.

Am 21. Juli 2005 schrieb ich den ersten Eintrag. Die meisten von uns waren dabei, uns für Auslands-Semester in verschiedene Länder zu verteilen: Anja und Kilian nach Sydney. Fabian nach Tampere. Kristoffer nach Schweden. Ich nach Rom. Anna blieb in Weimar.

Ich hatte meine Wohnung gekündigt. Mich überall abgemeldet. Das Semester beschloss ich mit dem geliebten „Rundgang“ – einer Werkschau, wie ihn viele Kunsthochschulen veranstalten. Das war immer die schönste Zeit. Abschied nehmen von den „Projekten“ (damals klang das Wort anders als heute …) der vergangenen Monate. Ein Treiben durch Weimar. Überall Kunst. Aktionen, Konzerte, Parties, improvisierte Getränkestände, Kommiliton*innen in den Straßen. Jetzt waren nicht mehr so viele da. Und auf dem angerosteten Papier lese ich von Hagel und Nasenbluten.

Was ich damals schrieb, klingt heute seltsam angespannt. Vage Andeutungen, abgekürzte Namen. Schreiben unter Pseudonym. Die ersten Beiträge bezeugen meine Unsicherheit, wie ich mich diesem neuen Medium nähern soll.

„Ich merke gerade, wie ich mich in jedem Satz selbst zensiere. Ich finde die richtige Balance zwischen dem öffentlichen Bericht und der privaten Nachricht nicht … .“

Eintrag vom 21.7.2005

Was ich allerdings auch lese: Mit jedem Beitrag und jedem Kommentar finden wir die für uns passende Mixtur aus Tagebuch, Fotoblog, Diskussions- und Hilfeforum. Plötzlich fragt Anna, ob jemand jemanden kenne, der ihr in InDesign weiterhelfen könne. Kilian vereinbart mit Fabian einen Telefontermin. Ich droppe kommentarlos einen Link zu einer schicken Webseite. Wir nehmen nahtlos begonnene Diskussionen aus parallel verschickten Rundmails auf, weil wir deren Inhalt ja kennen. Und irgendwann entwickeln sich die Einträge in eine wieder neue Richtung. Ich bin endlich in Rom, ziehe von Stadtpark zu Stadtpark, weil es dort selten funktionierendes kostenfreies WLAN gibt und berichte, welchen Menschen ich begegne und was um mich herum passiert. Tagebuch und Portraits.

Bald ist dann aber auch ein Passwortschutz über unser Weblog eingezogen und wir schrieben für uns, für eine überschaubare Gruppe von Kommiliton*innen und für unsere Familien. Es entwickelte sich eine Form von intimer Privatheit, die mir rückblickend stellenweise unangenehm ist.

Fast forward. Am 23. September 2006 schloss ich das Weblog wieder und archivierte es. (Seltsam, jetzt zu sehen, dass es viel kürzer online war, als ich noch gestern in Erinnerung hatte. Denn meine Erinnerung sagt mir auch, dass es prägend für mich war, fast jeden Abend ein paar Zeilen über den Tag zu tippen. Dass es richtungsweisend für mein Diplom war.) Ich zog dann auf Flickr um und postete fast nur noch Fotos. Auch dieser Account ist mittlerweile stillgelegt.

Das ausgedruckte Weblog als Zettelkasten

Als ich im März 2007 mit der Arbeit an meinem Diplom begann, nutzte ich die Aufzeichnungen aus dem Weblog und die Fotos von Flickr als Quellenmaterial. Ich erstellte ein Fotobuch und eine theoretische Arbeit über das Flanieren in der postmodernen Stadt Tokyo. Ich verglich und verschnitt meine aktuellen Aufzeichnungen aus Tokyo immer wieder mit altem Material aus Rom und einer ersten ziellosen Japan-Reise.

Nach meinem Diplom habe ich zunächst keine Social Media Plattformen mehr genutzt. Aus der Zeit ab 2007 finde ich sehr ausführliche E-Mails. Meine Frau Jenny und ich lernten uns schreibend kennen.

Social Media

Irgendwann … ich möchte es nicht rekonstruieren … kam Facebook. Wieder abgemeldet, wieder angemeldet, wieder abgemeldet (seit einem Jahr dann endgültig abgemeldet). Facebook hat mich nie begeistert. Es war eine praktische Quelle für Gossip über den Ort, in dem ich lebe, Reisefotos von Menschen, mit denen ich oft wenig teilte. Veranstaltungshinweise.

2017 habe ich begonnen, Twitter zu nutzen, das seither zu einer meiner liebsten Kommunikationsplattformen geworden ist. Auslöser war das Corporate Learning Camp #clc17 in Frankfurt. Deshalb fühlte ich mich lange Zeit wohl und sicher mit fachlicher Kommunikation über Themen, die mich beruflich beschäftigen. Aber ich spüre, wie sich diese Grenze immer weiter aufweicht (über den Grund möchte ich wahrscheinlich in einem späteren Beitrag nachdenken).

Ein neuer, vertrauter Textraum

Und jetzt blättere ich schon wieder in den alten, tagebuchartigen Weblog-Ausdrucken … beim Nachdenken darüber, wofür ich dieses neue Weblog beschreiben und welche Perspektiven ich dabei einnehmen möchte. In einem Medium, das mich naturgemäß viel mehr zum Formulieren eines eigenen und ausführlichen Standpunktes drängt als Twitter und LinkedIn.

Bei dem ich mich vor dem Gefühl fürchte, in eine Stille hinein zu schreiben, die noch stiller ist als die Leere eines Webinars mit Zuhörer*innen, deren Kameras aus- und Mikrofone stummgeschaltet sind.
Bei dem es keine Likes, Retweets und noch nicht einmal Mentions gibt, mit denen ich mir Unterstützung herbeirufen kann.

Aber auch einem Medium, dass mir meinen eigenen, ruhigen Textraum öffnet. Ein Textraum, der nach einer Stunde stiller Konzentration am Tag ruft und nicht nach einem launigen Ausruf. Der keine offene Durchgangstür zu meinem beruflichen Profil, zu meinen Kunden und zu meinem Arbeitgeber hat und von geschäftigem Hintergrundgemurmel erfüllt ist. Aus dessen Fenstern ich nicht auf Trending Topics blicke. Dessen Wände nicht mit aktivistischen Hashtags besprüht sind … so sehr ich sie liebe.
Wenn dieses Weblog eine „Klowand des Internets“ ist, wäre ich der einzige, der dort scheisst.

Könnte jemand lesen, was ich schreibe?

Mir fällt auf, dass ich nie länger als wenige Wochen ein privates Tagebuch geführt habe – trotz vieler Vorsätze, vieler Versuche, die um mich herum stehen. Zuletzt brach ich Anfang 2019 #3GoodMomentsADay nach wenigen Wochen ab. Ich benötige wohl zumindest das Gefühl, irgend jemand könnte lesen, was ich schreibe … .

Vielleicht treibt mich erst die panoptische Überlegung, dass hier jemand mitscrollt, die #100DaysToOffload zu füllen? Aber mit der Möglichkeit, dass ich, wenn ich müde bin, vom Fenster meines Textraums zurücktreten, das Licht ausschalten und den Vorhang schließend könnte?

Bei der Kommentarfunktion dieses Blogs bin ich übrigens skeptisch. Ist sie wie das klassische Gästebuch am Ausgang eines Museums?
Ich liebe die Kommentare, Zitate- und Retweet-Kultur auf Twitter. Ich liebe es, wenn Diskussionen dort so lange geknetet und gekaut werden, bis sie langsam offtopic wandern. Aber ich kann mir nichts annähernd vergleichbares über Weblogs vorstellen.

Persönlicher, als ich dachte

Ich habe in diesem Beitrag einige biographische Fragmente erwähnt, die sicher noch unzusammenhängend sind, zumal sie wenig darüber erzählen, wer ich heute bin. Vielleicht ist es hilfreich (für mich…?), das Bild zu erweitern, indem ich in einem der nächsten Beiträge die „50 Fakten über mich“-Übung aus Working Out Loud dokumentiere?

… um mich danach auch an etwas themenfokussierteren Beiträgen zu versuchen. Aber versprechen möchte ich nichts.

Das letzte Mal habe ich ganz vergessen, am Ende des Posts einen Link auf die Webseite von #100DaysToOffload zu ergänzen:
Wenn Du wissen willst, warum ich diesen seltsamen Hashtag so oft verwende, lies Dir gerne die Erläuterungen zur Challenge auf https://100daystooffload.com/ durch. Vielleicht hast Du auch Lust, mitzumachen?

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