Februar 1, 2021

Zeit, wieder aufzubrechen.

Die vergangene Woche fehlten mir die Lust, mich nach der Arbeit abends erneut an den Schreibtisch zu setzen und neue #100DaysToOffload Beiträge zu tippen. Aber noch bin ich auf Kurs. #100DaysToOffload bedeutet ja, im Schnitt etwa einen Beitrag alle dreieinhalb Tage zu verfassen. Mit dem heutigen Beitrag 13/100 bin ich nach einem knappen Monat also weiterhin dabei. Aber ich spüre die Verlockung und den dringende Bedarf, mich nach einem Tag am Schreibtisch abends weg davon zu bewegen.

Das vergangene Winter- und Schneewochenende hat mir genug Energie geschenkt, mich an meinem heutigen Lern- und Herzenstag, meinem freien Montag, wieder an einen neuen Beitrag zu setzen, so lange der Sohn nebenan ein Hörspiel hört.

Foto von einem Schneespaziergang mit meinem Sohn

Am Wochenende habe ich mehrere kleinere Spaziergänge unternommen. Mit meiner Familie in den Wald und in den Schnee. Dann auch mit den Airpods im Ohr telefonierend mit meinen Eltern und meiner guten Freundin Anna … einfach ziellos durch die Nachbarschaft. Und einer Diskussion lauschend ein paarmal um den Teich. All diese kleinen Spaziergänge habe ich genossen. Sie haben mir die Woche über gefehlt. Ich habe mich gefragt, warum ich solche Spaziergänge im Arbeitsstress immer wieder vergesse, obwohl ich genau weiß, wie gut sie mir tun und obwohl sie eigentlich so leicht zu organisieren wären.

So, wie es Menschen in meinem Netzwerk tun:

Meine Kollegin Claudia erzählte mir davon, wie viel besser sie die Inhalte von Podcasts in Erinnerung behält, wenn sie sie nicht in der Wohnung, sondern auf ihren Corona-Spaziergängen hört.

In der eigentlich ’nur‘ als Techniktest gedachten Zusammenkunft auf Simon Dückerts Mumble-Server sammelten wir Ideen, was wir in einem #Audiobarcamp anstellen können, wenn wir nicht mehr vor unseren Webcams sitzen, sondern mit Headset im Ohr durch unsere verschiedenen Umwelten spazieren und miteinander sprechen.

Thomas Dugaros wunderschöne Kurzbeschreibung seines Spaziergangs durch das ruhige St. Pauli, mit Bier in der Tasche und Freund im Ohr, weckte den Wunsch in mir, es ihm gleich zu tun, so wie ich es früher öfter tat:

Und … erst jetzt fällt es mir wieder ein, dass seitdem der Gedanke in mir gährt: Ein t3n-Artikel führte neulich auf LinkedIn zu interessanten Diskussionen darüber, inwieweit wir dafür verantwortlich sind, uns beim Arbeiten genug Spaziergänge zu gönnen.

Die Skizze für diesen Beitrag diktierte ich heute früh beim Kaffeekochen durch die Küche hin- und hertigernd (Wasser aufgießen, dann Kehrtwende und die paar Schritte zur gegenüberliegenden Wand, dann wieder zurück zum Kaffeefilter …). Erst jetzt sitze ich notgedrungen am Schreibtisch, denn für das Tippen längerer Texte brauche ich eine Tastatur. Aber ich habe so oft das Gefühl, dass die Ideen beim Gehen fließen. Wenn ich mich setze, um sie nieder zu tippen, geraten sie ins Stocken.

Eigentlich sollte ich nicht nur vor der Arbeit, in Pausen und nach Feierabend spazieren gehen, sondern auch während der Arbeit. Eigentlich ist dieser Wunsch nicht ganz so weit entfernt von der Situation, die ich zu meinem Lern- und Herzenstag aufgeschrieben hatte: Selbstbestimmt optimale Rahmen- und Arbeitsbedingungen zu schaffen, um gesund, kreativ und mit den angemessenen Mitteln so zu arbeiten, wie es mir und dem Ergebnis gut tut. Spaziergehen gehört ebenfalls dazu.

Es ist ja nichts neues: Spazierengehen fördert unsere Informationsaufnahme- und -verarbeitungsfähigkeit, lässt unsere Kreativität sprießen und hilft uns, die richtigen Worte zu finden, die vor dem Schreibtisch sitzend in uns geblieben wären. Noch mehr: Durch das Spazierengehen integrieren wir die uns begegnenden Eindrücke, Situationen, Vielfalt, die uns am Schreibtisch verwehrt geblieben wäre. Wir wissen von den aristotelischen Spaziergangs-Vorlesungen. Wir nehmen „Walk and Talk“ in unseren Methoden-Werkzeugkasten auf. Wir lassen uns miteinander gehend offener und angstfreier auf therapeutische Gespräche ein. Wir vermessen gehend unsere Umwelt, erfahren Stadt und Land, lassen unsere Geschichte und die Geschichte der Orte wiederaufleben und verweben sie mit dem gerade Ergangenen. „Die Stadt als mnemotechnischer Behelf des einsam Spazierenden“, wie Walter Benjamin zu Franz Hessels „Spazieren in Berlin“ schreibt. Und natürlich kann Spazierengehen zu besseren Arbeitsergebnissen führen.

„Our intent is to show walking not only as a directed movement from one place to another, but a wandering, an odyssey of sight and sound, a quest for knowledge and stimulation, a grand roaming expedition, and a living breathing work of art in its own right.“

(Lovejoy & Morris 2005), zitiert nach Wrights & Sites: „A Manifesto for a New Walking Culture: ‚dealing with the city‘

Spazierengehen tut rundum gut.

Deshalb eine spontane, vielleicht schräg erscheinende Idee:

Wie wäre es, vergleichbar zum Recht auf Home Office oder Recht auf Teilzeit, mit einem Recht auf Spazierengehen?

Die Argumente, warum Bewegung, Gehen, frische Luft und Tageslicht gesundheits-, kreativitäts- und resilienzfördernd sind, kennen wir alle. Spazierengehen vereint all das. Außerdem glaube ich, dass sich auch Argumente für das Recht auf Home Office, das Recht auf Teilzeit sowie das Recht auf Lernzeit (… und sei es in der Minimalform: Bildungsurlaub) in das Recht auf Spazierengehen übernehmen ließen. Sie dienen letztlich teilweise ähnlichen Zielen: Gesundheit, Vereinbarkeit verschiedener Bedarfe und Bedürfnisse, menschliche Entwicklung und Entfaltung, Zufriedenheit, Integration neuer Perspektiven.

„Mein Körper ist von warmer und jubelnder Klarheit erfüllt. Die Gedanken erwachen und verlieren an Gewicht, es ist eine ganz konkrete Erfahrung, meine Gedanken werden leichter, und ich gehe, nun leichter, in Richtung Nygårdshøyden und Innenstadt. Langsam wird mir klar: Du bist glücklich, weil du gehst.“

Thomas Espedal: Gehen oder die Kunst, ein wildes poetisches Leben zu führen, S. 8 (… übrigens eines der wunderschönsten Bücher, das ich je gelesen habe!)

Meine Forderung nach Recht auf Spazierengehen ist überspitzt. Aber ich glaube, der Status des Spaziergangs bei der Arbeit ist dem des Homeoffice nicht unähnlich.

Natürlich kannst Du Dich bei der Arbeit dort aufhalten und Dich körperlich so betätigen, wie es Dir und Deinen Arbeitsergebnissen am besten tut, mögen Menschen, die danach gefragt werden, entgegnen. Hauptsache, Du bist produktiv und schaffst Deine Arbeit.

Andererseits erkenne ich bei mir selbst und anderen, dass wir immer noch in einen irritierenden Rechtfertigungsmodus verfallen, wenn wir mit bewegungsbedingt kürzerem Atem, ohne Webcam und mit Vogelgezwitscher im Headset in eine Besprechung gehe. Dann sind wir „gerade noch“ und nicht „gerade deshalb“ unterwegs. Dem Spazierengehen haftet immer noch etwas ungehöriges an. Wir kennen die Vorbehalte, die selbst das Homeoffice in viel zu vielen Unternehmen weiterhin verfolgen: Der legt doch die Beine hoch. Ähnlich dem Spaziergang: Die vertritt sich doch gerade die Beine. Beine, die nicht im 45°-Winkel unter dem Schreibtisch stehen, scheinen zu nichts zu taugen.

Natürlich brauchen wir kein Recht auf Spazierengehen. Aber wir sollten unser Bedürfnis danach sichtbar machen und mit gutem Beispiel voranspazieren, so wie Sophie Lüttich es als Kommentar unter den t3n-Artikel schrieb:

Screenshot des verlinkten LinkedIn-Kommentars

Ich arbeite mit Kolleg*innen zusammen, die das tun. Mit denen ich Ideen sammele und Konzepte skizziere, während sie unterwegs sind, ich aber noch am Schreibtisch sitze. Jedes Mal helfen Sie mir damit aus der Ferne ein bisschen auf die Beine.

Eins ist mir wichtig: Lasst uns unter allen Umständen vermeiden, Produktivitätsziele an unsere Spaziergänge zu knüpfen. Das Resultat eines Spaziergangs ist nicht immer messbar. Ich kenne diesen Druck: Jetzt gehe ich so lange spazieren, bis mir die grandiose Idee zugeflogen ist. Ein Spaziergang, der mir so gut wie einige der Spaziergänge an diesem Wochenende ist mindestens so wertvoll wie ein Spaziergang, an dessen Ende ich eifrig an den Schreibtisch zurückeile, um die dutzenden niederdiktierten Notizen ins Word- oder WordPress-Dokument zu übertragen.

Seltsamerweise war ich heute, an meinem Lern- und Herzenstag, überhaupt nicht spazieren. Dafür stöberte ich in einigen Büchern und fand beispielsweise noch folgenden Ausschnitt von Robert Walser, mit dem ich als Zusammenfassung jetzt ende – motiviert für die nächsten #100DaysToOffload-Beiträge:

„Spazieren (…) muss ich unbedingt, um mich zu beleben und um die Verbindung mit der lebendigen Welt aufrechtzuerhalten, ohne deren Empfinden ich keinen halben Buchstaben mehr schreiben (…) könnte. Ohne Spazieren wäre ich tot, und mein Beruf, den ich leidenschaftlich liebe, wäre vernichtet. (…) Auf einem schönen und weitschweifenden Spaziergang fallen mir tausend brauchbare nützliche Gedanken ein. Zu Hause eingeschlossen, würde ich elendig verkommen und verdorren. Spazieren ist für mich nicht nur gesund und schön, sondern auch dienlich und nützlich. Ein Spaziergang fördert mich beruflich, (…) ist mir ein Genuss und hat gleichzeitig die Eigenschaft, daß er mich zu weiterem Schaffen reizt und anspornt, indem er mir zahlreiche kleine und große Gegenständlichkeiten als Stoff darbietet, den ich später zu Hause emsig und eifrig bearbeite.“

Robert Walser: Der Spaziergang; Online bei Projekt Gutenberg: https://www.gutenberg.org/files/39247/39247-h/39247-h.htm

#100DaysToOffload: Wenn Du wissen willst, warum ich diesen seltsamen Hashtag so oft verwende, lies Dir gerne die Erläuterungen zur Challenge auf https://100daystooffload.com/ durch. Vielleicht hast Du auch Lust, mitzumachen?

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  1. Was ein wunderbarer Artikel, der meine Beine sofort ins Kribbeln bringt und meine Gedanken ins Fliegen bringt! Vielen Dank, Johannes Starke! Die Zitate gefallen mir sehr und ich stimme durch die Erfahrungen des letzten Jahres insbesondere Robert Walser zu, dass mich das Spazieren gehen und die Bewegung draußen gesund und damit arbeits- und denkfähig hält.
    Ich habe mir gerade vorgenommen, Gespräche, die gerne wieder in festgefahrene Muster laufen, mal auf einen Spaziergang zu legen, um die veränderte Umgebung auch für eine Veränderung meines Denkens und Kommunizierens zu nutzen. Dazu passt vielleicht auch der Trauspruch meines Bruders „Der Weg entsteht im Gehen“.

    1. Danke, liebe Anne, ich freue mich sehr über Deinen Kommentar!
      Ja, ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass stockende oder immer wieder festfahrende Gespräche im Gehen ganz anders laufen können. Wer weiß, was uns da alles unterstützt? Wie Du schriebst: Die veränderte Umgebung. Impulse von außen, die wir aufnehmen können, wenn wir möchten? Ein alternativer, vorgegebener, paralleler Gang-Rhythmus, sodass das Gespräch nicht das einzige taktgebende Element ist? Die Möglichkeit, den Blick auf so viele andere Anker zu richten als ins Gesicht unserer Mitspazierenden? Geräusche, die Stille überdecken? Die ganzen positiven Eigenschaften körperlicher Aktivität? Eine andere Körperwahrnehmung? Eine Wegroute, die das Gespräch strukturiert und ein Ziel, das uns erwartet? … bekomme gleich Lust, darüber weiter nachzudenken! 🙂

  2. Ein wundervoll geschriebener Artikel. Dankeschön! Alles was mit Bewegung draußen zu tun hat beflügelt uns, unseren Geist unsere Gedanken, unsere Kreativität. Ich gehe schon seit vielen Jahren dann raus, wenn ich das will. Damals habe ich noch im Home-Office für einen Konzern gearbeitet und habe nicht darüber geredet. Ich habe es einfach gemacht, nicht gefragt, hatte keine Lust auf Diskussionen. Ich bin sowieso sehr sportlich unterwegs. Die meisten Kollegen mit denen ich mich ausgetauscht habe, hatten nicht dieses Bedürfnis rauszugehen, sich zu bewegen. Mir hat mein Körper schon signalisiert „steh auf und geh raus“. Und ja, die besten Ideen habe ich beim Laufen oder Spazierengehen. Ich freue mich sehr, wenn unsere Gesellschaft sich mehr dahin bewegt, dass draußen sein und Spazierengehen zum Alltag dazugehört.

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