März 29, 2021

Das ist Beitrag 26/100 der #100DaysToOffload-Challenge. Mein Ziel ist, hier mindestens 100 Beiträge im Jahr 2021 zu schreiben. So möchte ich für mich das Bloggen zur Gewohnheit machen.

Vor vier Tagen haben einige Kolleg*innen im Rahmen unserer „Fridays for Learning“ (unserem regelmäßigen kollegialen Peer-to-Peer-Lernevent) zu einer gemeinsamen Erkundung der Möglichkeiten von Microsoft Teams Live Events eingeladen. Mit MS Teams arbeite ich regelmäßig und gerne, aber mit den Live Events hatte ich mich bisher fast noch nicht beschäftigt. Deshalb war ich sehr gespannt, habe mit erkundet und überlege jetzt, welche Qualitäten Events wie die in MS Teams Live Events durchgeführten haben. Einige meiner Gedanken halte ich in diesem Beitrag fest.

Schon mein letzter Beitrag entstand aus der Beschäftigung mit einem neuen Softwaretool heraus. Ich merke gerade, dass mich diese eher verquere Art des Zugangs (zunächst ein Tool heraussuchen und dann überlegen, was man damit machen oder nicht machen kann …) ins Nachdenken bringt. Wahrscheinlich kann es hilfreich sein, das Werkzeug dazu gerade erst kennenzulernen, weil die Arbeitsweise von mir dann noch nicht als etabliert und selbstverständlich empfunden wird. Vielleicht ist es aber auch bedenklich oder unfair, weil mir die wahren Möglichkeiten noch verborgen sind?

Ich würde mich freuen, wenn Du meine sicherlich beschränkte Vorstellungskraft erweiterst und Ideen oder konkrete Beispiele für Veranstaltungen teilst, in der die Möglichkeiten der MS Teams Live Events oder anderer Tools, die eine vergleichbare Philosophie verfolgen, sinnvoll eingesetzt werden. Denn mir fallen, unter Berücksichtigung der Möglichkeiten, die wir heutzutage haben, nur wenige Anwendungsfälle ein, bei denen ich synchrone One-to-many-Informationsvermittlung ohne ungefilterten Rückkanal reizvoll finde (künstlerische Ausdrucksformen ausgenommen … und selbst hier finde ich partizipative Ansätze oft ganz besonders spannend).

MS Teams Live Events soll hier nur ein Beispiel sein. Genau genommen schließe ich wahrscheinlich sämtliche Online-Veranstaltungsformate ein, in denen die Möglichkeiten echter Interaktion und direkter Kommunikation nicht genutzt bzw. bewusst unterbunden werden. Auch in Webinaren, die ich über GoToWebinar durchgeführt habe, störten mich manche der im Folgenden erwähnten Beschränkungen. Aber MS Teams Live Events ist meine aktuelle Erfahrung. Der zunächst naheliegende Vergleich mit den Möglichkeiten, die eine reguläre MS Teams Besprechung bietet, führt auf eine falsche Fährte. Denn natürlich ist ein MS Teams Live Event nicht nur eine MS Teams Besprechung mit mehr Teilnehmer*innen, sondern etwas grundsätzlich anderes.

Was kann MS Teams Live Events?

Wenn ich es richtig verstanden habe, soll MS Teams Live Events für die Durchführung von Online-Präsentationen mit einer sehr großen Anzahl an Zuschauer*innen (ab Juni bis zu 20.000 Zuschauer*innen!) genutzt werden.

Die folgenden Eigenschaften eines Live Events sind mir aufgefallen:

  • One-to-many: Der oder die Präsentatoren spielen ihre Inhalte aus, ohne dass nennenswerte echte Interaktion möglich oder gewünscht ist.
  • Zuspielung von MS Teams Video oder ggf. Streams aus einer Drittquelle (das ist bei uns allerdings unterbunden).
  • Zuschauer*innen können schriftlich Fragen einreichen, die von den Produzent*innen oder Präsentator*innen zunächst freigeschaltet werden müssen und ggf. schriftlich beantwortet werden können (das nennt sich Q&A). Erneute Rückfragen zur gleichen Frage scheinen nicht möglich zu sein … zumindest habe ich die Funktion nicht entdeckt.
  • Freigeschaltete Fragen in der Q&A können gelikt und somit als besonders relevant markiert werden. Antworten auf die Fragen können allerdings nicht gelikt werden?
  • Aufzeichnung und nachträglicher Abruf von Aufzeichnung und Q&A ist möglich.
  • Pausieren, Zurückspulen und somit zeitversetztes Sehen ist möglich.
  • Änderung der Wiedergabegeschwindigkeit bei aufgezeichneten Passagen ist möglich.
  • Automatische Untertitelung und anschließender Download eines Transkripts ist möglich (das haben wir allerdings nicht ausprobiert)

Was mir an Live Events gut gefällt

  • Zuschauer*innen erhalten dank Aufzeichnung und Möglichkeit zum Pausieren, zurückspulen oder Änderung der Wiedergabegeschwindigkeit eine große Flexibilität, wann und wie sie die Inhalte konsumieren möchten. Ich selbst ertappe mich oft dabei, Townhallmeetings oder generell Vorträge, bei denen keine nennenswerte Partizipation des Publikums zu erwarten ist, bis zum Ende abzuwarten und anschließend die Aufzeichnung in MS Stream in doppelter Geschwindigkeit anzusehen. Für solche Art von Veranstaltungen eignet sich Live Events umso mehr, weil ich nicht bis zum Ende und zur Bereitstellung der Aufzeichnung warten muss, sondern zu einem beliebigen Zeitpunkt einsteigen kann und ich zudem Zugriff auf die nach Bewertung (Likes) sortierter Q&A habe.
  • Das Ranking der eingereichten Fragen über Likes macht es einfach, als besonders relevant gewertete Fragen nach oben zu spülen. Das sorgt für Übersichtlichkeit und macht es der Moderation einfach, drängende Fragen zu adressieren.
  • Die automatische Untertitelung fördert Barrierearmut.
  • Über die Einbindung von Drittquellen können qualitativ hochwertige Medien integriert werden.
  • Die Producing-Sicht unterstützt die Präsentator*innen darin, sich ganz auf ihre Präsentation zu konzentrieren, weil alles Weitere vom Producing-Team im Hintergrund gesteuert wird.

Meine Eindrücke aus der Perspektive des Zuschauers

  • Ich habe keinerlei Einblick, wer an der Session teilnimmt – weder an anderen Zuschauer*innen noch dem Team aus Producer*innen und Präsentator*innen im Hintergrund (aus Datenschutzgründen sicher oft sinnvoll … aber ich vermisse es dennoch sehr). Ich sehe ja noch nicht einmal die reine Anzahl der Zuschauer*innen. Und mir fehlt das Gespür, wie die Session von anderen aufgenommen wird. Live Reactions (wie z. B. in Powerpoint Live Präsentationen oder Live Events auf Social Media Plattformen) könnten dem zumindest ansatzweise abhelfen.
    Gefühlt schaue ich für mich allein.
  • Ich bin auf den guten Willen der Veranstalter*innen angewiesen, um meine Fragen und Anmerkungen zu platzieren. Weiterhin ist es unnötig einschränkend, dass ich auf Antworten keine Rückfragen stellen darf. Wenn meine Frage missverstanden oder nicht hinreichend beantwortet wurde, bleibt mir nichts anderes übrig, als eine ganz neue Frage einzureichen. Gleichzeitig ist es mir nicht einmal möglich, mich für eine hilfreiche Antwort zu bedanken, da ich Antworten nicht liken kann. So fühlt sich das schnell nach einem mechanischen ‚Abarbeiten‘ von Fragen an.
  • Durch die Zeitverzögerung, die sich aus der notwendigen Freischaltung der Q&A und der potenziell zeitverzögerten Sicht anderer Zuschauer*innen ergibt, ist es nur ein sehr beschränktes Mittel, um bestimmte Passagen der Präsentation ‚live‘ zu kommentieren oder zu hinterfragen. Hier wäre eine Indikation hilfreich, in welchem Kontext (Timestamp o.ä.) die Frage gestellt wurde.
  • Ich weiß nicht einmal, wer aus dem Team der Veranstalter*innen Textnachrichten in die Q&A schreibt. Alle schreiben anonym als ‚Moderator‘.
  • Das Pausieren und zurückspulen ist praktisch, gleichzeitig habe ich aber auch das Gefühl, ‚hinterher zu sein‘, wenn ich nicht live schaue.
  • Die Bereitstellung des Videos inkl. Q&A ist für die Nachbereitung sehr hilfreich.
  • Die Qualität/Auflösung des Screensharing war in unserer Test-Session deutlich geringer als in Teams-Besprechungen. Kleine Schrift war kaum lesbar. Ich weiß nicht, ob das an der Bandbreite war oder eine generelle Eigenschaft ist.

Meine (kurzen) Eindrücke als Presenter

Anschließend durften wir die Rollen wechseln und die Perspektive als Producer oder Presenter einnehmen. Ich entschied mich für letzteres und fand mich in einem Raum mit allen Producern und Presentern wieder.

  • Auch hier blieb mir verwehrt, mehr über die Zuhörer*innen zu erfahren als die reine Anzahl.
  • Als mich das Produzent*innen-Team live schaltete (was gefühlt relativ abrupt ohne Vorwarnung oder deutliches Zeichen geschah), hatte ich das unangenehme Gefühl, in einen leeren Raum zu sprechen. Keinerlei Reaktion oder die Simulation einer Anwesenheit von Publikum. Man muss schon Profi sein, um sich ein aufmerksames Publikum zu imaginieren …

„Es liegt ein sonderbarer Quell der Begeisterung für denjenigen, der spricht, in einem menschlichen Antlitz, das ihm gegenübersteht; und ein Blick, der uns einen halb ausgedrückten Gedanken schon als begriffen ankündigt, schenkt uns oft den Ausdruck für die ganz andere Hälfte desselben.“

Heinrich von Kleist: Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden (1805)
  • Wenn ich Fragen aus der Fragenliste aufgreife, habe ich keine direkte Möglichkeit, zu erfahren, ob meine Antwort hilfreich war.
  • Als ich eben erneut dem Event beitrat, bei dem ich als Presenter aktiv war, konnte ich mir nur die Aufzeichnung aus Sicht eines regulären Zuschauers ansehen sowie Protokolle der Q&A und der Teilnehmer*innen sowie die Aufzeichnung des Events herunterladen. Eine Möglichkeit zur weiteren Pflege und Beantwortung der Q&A habe ich nicht gefunden. Eine wahrscheinlich übliche Einschränkung – dennoch stelle ich mir vor, wie hilfreich es wäre, die Fragen auch im Nachgang zum Event weiter stellen und beantworten zu können.
Screenshot der Producer-Ansicht, in dem gleich eines endlosen Spiegels der Bildschirm mit der Producer-Ansicht geteilt wird

Lasst uns die Möglichkeiten einer transparenten und asynchron weitergeführten Diskussion nutzen

Aufgrund der oben genannten Eigenschaften stelle ich mir Live Events praktisch für den Einsatz in Präsentationen vor, die eine sehr große Menge an Zuschauer*innen erreicht werden soll und in denen nur sehr begrenzte und kontrollierte Diskussion erwünscht ist. Was wären das für Präsentationen? Außer Werbeveranstaltungen fällt mir nicht viel ein. Im internen organisationalen Kontext finde ich die künstliche Distanz zwischen Veranstalter*innen und Zuschauer*innen befremdlich.

Aber selbst bei Werbeevents, in denen die Q&A ausschließlich der Erstellung und Beantwortung von FAQs dienen soll (was ja durchaus praktisch ist): Welchen Vorteil hat ein Live-Event gegenüber der Bereitstellung einer Videoaufzeichnung mit einem (meinetwegen moderierten …) Forum? Vielleicht das Auratische des „Live“? In Ansätzen sicher die Möglichkeit, während des Live-Sehens Fragen zum Produkt einzureichen, die dann von Expert*innen beantwortet werden. Ein Diskussionsforum bzw. eine Community, die aber ggf. vor, insbesondere aber auch lange nach dem Event weiterhin lebendig ist und die Möglichkeit bietet, Fragen zum vorgestellten Produkt zu stellen, läge mir hier wahrscheinlich mehr. Ich finde es verschenktes Potenzial, dass mit Ende des Events auch alle Kommunikation abgeschnitten wird und auf anderen Plattformen weitergeführt werden muss.

Gleiches gilt für klassische Vorträge, die online oder hybrid durchgeführt werden sollen (und bei denen mir, wenn keine aktive Beteiligung des Publikums vorgesehen ist, noch nie so recht klar war, warum nicht einfach ein Video davon produziert und bereitgestellt wird.) Die Q&A könnte hier als Werkzeug für das Identifizieren von Fragen dienen, die dann von dem*r Moderator*in an die Vortragenden weitergereicht werden. Aber transparenter, glaubhafter und teilweise auch einfacher wäre es durch die Nutzung separater Audience Response Systeme wie z. B. slido, in der alle Beteiligten einkommende Fragen direkt sehen und upvoten können.

Für jegliche Formen von Inhaltsvermittlung in Lehrangeboten erscheint mir MS Teams Live Events als nicht sinnvoll. Hier plädiere ich für eine asynchrone Vermittlung in Form von Videos (bzw. anderen digitalen Inhalten), Diskussionsforen/Communities und -sofern es die Anzahl an Lernenden und deren Rahmenbedingungen zulassen- synchronen Online-Veranstaltungen, die dann aber nicht mehr die Wissensvermittlung zum Ziel haben, sondern das volle Potenzial an Interaktion und Kommunikation nutzen und dem Austausch, der Reflektion und der Anwendung dienen. Letzteres lässt sich bei einer großen Anzahl an Lernenden natürlich schwer organisieren.

In guten MOOCs lässt sich gut sehen, wie solche Lernangebote für tausende von Lernenden strukturiert werden können: Eine Mischung aus asynchronen, digitalen Lernmedien, offenen Diskussionsforen und Foren, die der Diskussion einer ‚Wochenaufgabe‘ o. ä. dienen. Die Bearbeitungszeit ist locker, aber über bestimmte Ziel-Termine strukturiert, um die Bearbeitung für die Lernenden einerseits möglichst flexibel zu gestalten, andererseits aber die Diskussion der Kohorte auf die zeitlich gerade aktuellen Themen zu fokussieren.

Letztendlich drängt sich die Nutzung von MS Teams Live Events für zentral organisierte Ansprachen der Geschäftsführung in Form von Town Hall Meetings etc auf. Das Unternehmen, in dem ich arbeite, ist übersichtlich genug, um solche Meetings transparent und mit offenem Kommunikationskanal für alle in einer regulären MS Teams Besprechung durchzuführen. Mit der Sichtbarkeit der Kolleg*innen, mit denen wir zusammenarbeiten. Und ich behaupte, dass der offene Chat einen Großteil zum Gelingen der Veranstaltungen beiträgt: Mit Lob, Bestätigungen, Kudos, animierten Gifs, von Kolleg*innen ergänzten Hintergrundinformationen (z. B. zu erwähnten Projekten) aber auch kritischen Rückfragen, auf die die Geschäftsführer dann eingehen können.

Lasst uns mehr teilen und weniger senden

Während ich diesen Text tippe, erscheint ein neuer Beitrag von Karlheinz Pape in meiner Timeline, der einen weiteren wichtigen Unterschied in Lehr-Lern-Szenarien sehr gut in Worte fasst: (Wissen-)Teilen versus Senden.

Tools wie MS Teams Live Events unterstützen sehr gut das Senden. Ich bin überzeugt, dass aus jedem noch so großem Event mehr für alle Beteiligten zu machen ist, wenn wir das Potenzial des Teilens berücksichtigen. Digitale Tools unterstützen das einfacher denn je. Lasst uns den Aspekt des Teilens doch bei jeder Veranstaltung und jedem Informationsvermittlungsangebot mit berücksichtigen und bewusst in die Konzeption einbauen. Idealerweise über die Dauer des eigentlichen Events hinaus und in einem Modus, der echtes Teilen ermöglicht.

In ihrem exzellenten Beitrag über „Hybride Bildungssettings“ hat Nele Hirsch einige tolle Beobachtungen und Empfehlungen beschrieben, wie dies gelingen kann: „Vor diesem Hintergrund lässt sich als ein Merkmal von guten Bildungsveranstaltungen festhalten, dass ihr hybrider Charakter mitgedacht und dass auch die jeweils nachgelagerte Ebene pädagogisch gestaltet wird. (…)“ und nennt beispielsweise „Twitter als zusätzliche Diskussions- und Vernetzungsebene […]: Ich nehme wahr, wer alles da ist [und zwar durch die Beteiligten selbstbestimmt!], kann den Personen folgen und sie auf diese Weise in mein persönliches Lernnetzwerk integrieren – und Twitter kann auch für Gesprächsanlässe im physischen Raum sorgen, z.B. die Frage in der Kaffeepause: ‘Du hast doch vorhin xy getwittert. Was meintest Du denn genau damit?“

100DaysToOffload: Wenn Du wissen willst, warum ich diesen seltsamen Hashtag so oft verwende, lies Dir gerne die Erläuterungen zur Challenge auf https://100daystooffload.com/ durch. Vielleicht hast Du auch Lust, mitzumachen?

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