Januar 8, 2021

Das ist Beitrag 4/100 der #100DaysToOffload-Challenge. Mein Ziel ist, hier mindestens 100 Beiträge im Jahr 2021 zu schreiben. So möchte ich für mich das Bloggen zur Gewohnheit machen.

Ich glaube, ich habe die Blogging-Kultur mit den Jahren aus den Augen verloren und frage mich, was die Auslöser dafür gewesen sein könnten.

Dieser Tweet von Gabriel Rath hat mich daran erinnert: Ja! Früher waren private Weblogs meine Abendlektüre. Damals hatte ich noch keinen Feedreader und wanderte von Weblog zu Weblog. Betrat die Blog-Refugien von kid37, DocDee, Madame Modeste oder Mequito … und verlebte dort viele Abende. Ohne jemals irgend einen Kommentar hinterlassen oder mich anderweitig sichtbar gemacht zu haben.

Ich erinnere mich dunkel, dass mir diese Blogger*innen wie eine verschworene Gruppe schienen, deren Mitglieder*innen ihre Leben gewandt ästhetisch vertexten und sich scheinbar zufällig beiläufig immer wieder aufeinander beziehen. Wie in Episodenfilmen, deren Erzählstränge durch ein Auftauchen der Charaktere aus Nachbar-Episoden formal verspielt verknüpft werden.

Ich vertiefte mich in diese besondere Art, wie die Autor*innen auf Tagesereignisse, Begegnungen, Beobachtungen und Erinnerungen blicken, um sie in Texten, manchmal auch in Fotos, festzuhalten. Und ich glaube, sie hatten einen Einfluss darauf, wie ich damals schaute, fotografierte und schrieb.

Irgendwann begann ich, einen Feedreader zu nutzen. Zunächst den Google Reader. Dann wechselte ich zu Feedly. Dort legte ich Feeds für verschiedene Fachthemen an. „Design“. „Computer“. Architektur“. „e-learning“. Ein Feed für „Tagebücher“ oder „Privates“ fehlte, stelle ich erst jetzt fest. Ich glaube, mit dem RSS-Reader kehrte Nüchternheit in mein Blog-Leseverhalten ein. Die vereinheitlichte Darstellung sorgte für eine andere Art des Lesens. Vielleicht vergaß ich darüber die besondere Atmosphäre, die alleine der gestalterische Rahmen z. B. des hermetischen Cafés dem Lesevergnügen bereitet?

Spätestens als ich 2017 late to the party Twitter entdeckte trieb mir die Blogosphäre aus den Augen. Auf Twitter ist es so direkt, schnell und kommunikativ, den Leben der Menschen zu folgen. Auch fand ich jetzt eine Stimme und die Menschen antworteten.

Bei Gabriels Tweet „Kann es sein, dass alle nur noch posten?“ und den vielen darunter verlinkten Weblogs, die den Gegenbeweis antreten, dass es eine lebendige Blogger*innen-Szene zu den mir über Twitter vertrauten Fachthemen rund um Zukunft der Arbeit, Agilität, Digitalisierung etc. gibt, dachte ich an die privaten Blogs zurück. Sind die persönlichen Tagebuch-Streams zu Twitter, Facebook und Instagram abgewandert? Bloggen die Menschen, an deren Weblogleben ich teilhaben durfte, heute immer noch? Könnte ich jetzt, nach vielen Jahren, da weiterlesen, wo ich damals aufgehört hatte?

Gestern Abend habe ich nachgesehen. Fast alle waren noch da. „Pathos seit 6227 Tagen“. „6784 Tage lebendig.“ Manche waren umgezogen und texten jetzt hinter schicken eigenen Domains mit Cookie-Abfrage und Datenschutzerklärung. Andere sind antville, twoday oder blogger treu geblieben oder haben selbst das Lydia Lunch Zitat zur Begrüßung bewahrt:

Wiederentdeckt und vertraut. Als ob ich keinen Abend versäumt hätte. https://kid37.blogger.de/

Ich bestaune die Liebe, die sich diese Autor*innen zu ihren Weblogs erschreiben. Die Konsequenz, mit der sie ihr Leben in literarische Texte fassen.

„Ich mag an solchen Blogs, dass sie einem über die Jahre nichts vormachen können. Ein Blog, das Leute zehn Jahre haben, das ist genau wie die. Vielleicht abzüglich der beruflichen Existenz, aber selbst die taucht ja in irgendeiner Form immer wieder auf.“

Madame Modest in einem Gespräch mit Theresa Schmidt vom Open Mike Blog zum schönen Thema „Literatur im Netz II : Online alt werden“

Das lässt mich darauf vertrauen, dass die Weblogs uns begleiten, „bis das Internet zerbricht“, wie @IchlebeJetzt1 in Gabriels Diskussionsstrang voraussieht.

Und es weckt Zuversicht in mir, dass ich durch das Weiterverfolgen dieser #100DaysToOffload-Challenge eine eigene Weise finden werde, die Themen, die mir wichtig sind, zu beschreiben.

#100DaysToOffload: Wenn Du wissen willst, warum ich diesen seltsamen Hashtag so oft verwende, lies Dir gerne die Erläuterungen zur Challenge auf https://100daystooffload.com/ durch. Vielleicht hast Du auch Lust, mitzumachen?

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  1. Danke für den Rückblick. Ja, so war es wohl. Blogs haben viele Entwicklungen erlebt, sie spiegeln die privaten Erlebnisse, Lieben, Krankheit, mittlerweile sind einige ja auch verstorben. Textformen ändern sich, Stimmungen, die individuelle Vorsicht im Öffentlichmachen privater Dinge, die Perspektiven der Einordnung. Es ist schön, daß doch eine gute Reihe "alter Blogs" noch beharrlich dabei sind. Vielleicht nicht mehr in derselben hohen Veröffentlichungsfrequenz, und meist auch nicht mehr in der dichtverwebten Vernetzung von einst. Dafür gibt es auch mehr Ruhe, anders als auf den Meinungserhitzern anderer Social-Media-Kanäle. Ich hoffe, es wird wieder mehr experimentiert mit Text- und Publikationsformen. Die Möglicheit auch "Mikrothemen" ausführlich zu beackern, hat ja nach wie vor einen großen Charme.

    1. Vielen Dank für diese schöne Kommentierung, lieber kid37!
      Die "dichtverwebte Vernetzung", die Du anspricht, fasziniert mich besonders. Laienhaft stelle ich mir …. mindestens vier Ebenen vor …?

      … man 'kennt sich' und bezieht sich direkt und indirekt in den Texten aufeinander… mit Freude am Nutzen von Chiffren, Anspielungen, Auslegen von Fährten. Diesen Eindruck hatte ich damals manchmal beim Lesen der Texte von Menschen auch in Deiner Blogroll.

      … Blogger*innen-Treffen verstärken diese Vernetzung, schaffen Vertrauen. Manche Identitäten werden gelüftet.

      … Pingbacks und Trackbacks (puuuh, eben nach den Begriffen gesucht … es gibt für mich auch technisch noch so viel zu lernen) unterstützen die Vernetzung technisch und sorgen dafür, dass man erfährt, wer sich aufeinander bezieht.

      … Blogrolls umreißen Zirkel, Blasen, Communities und verorten Zugehörigkeiten.

      Was übersehe ich noch?

      Gerade denke ich an meine IRC-Zeit zurück. Schon fast verblasst. Heute fände ich wohl kaum noch einen Eingang. Aber manche Prinzipien scheinen mir ähnlich … abgesehen davon, dass ich IRC als einen Meinungserhitzer sondergleichen wahrgenommen habe.

      Auf experimentelle Text- und Publikationsformen lasse ich mich in den kommenden Tagen mit Freude ein.
      Und auf Unterformen, die mit meinem beruflichen Corporate Learning Kontext zu tun haben.
      Ich sehe, dass z. B. unter den anderen #100DaysToOffload Blogger*innen einige dabei sind, die ihre Blogs als eine Art E-Portfolio nutzen, um ihre Lernerkenntnisse zu dokumentieren. Das interessiert mich sehr, denn auch ich empfinde eine große Erleichterung, dass ich mich hier schrittweise und suchend einem Thema nähern darf und ich nicht unter dem gefühlten Druck stehe, gleich einen fachkundigen, überzeugenden und für mein Netzwerk auch hilfreichen Artikel auf mein LinkedIn-Profil zu setzen.
      Ich werde mich in Zukunft auch näher damit beschäftigen, wie ich das Verweben von Blog und Twitter nutzen kann. Das Blog als Lerntagebuch. Das Fragen und Diskutieren auf Twitter. Eine Art "Blended Learning" über diese beiden Plattformen. Hmmm … 🙂

      1. Es gab damals auch schon so etwas, was man heute "Meme" nennen würde. Die Themen des Tages und der Woche, die "durchs Dorf getrieben wurden". Eine damals gängige Metapher für die alles in allem ja überschaubaren Blogzirkel. Daraus erwuchsen diese Andeutungs- und Metapherncluster in vielen Texten, bald auch kryptischer, weil die Offline-Kontakte zunahmen. Teilweise ähnelte das einem endlosen Heldenlied, eine Art Blogger-Nibelungensaga mit Seifenoperanteilen und Shitstormgefechten. Dazwischen dann immer wieder endlos wiederholte, refrainartige Anspielungen. (Man musste nur "Brotspinne" sagen, ein Begriff, den heute noch manche erinnern, nicht aber mehr, worauf sich das konkret bezog.)

        Und ja, die Publikation ist oft nicht abgeschlossen, sondern ein Prozess. Langsames Verfertigen über Zeiträume und manchmal auch kollaborativ über mehrere Blogs und ihre Autoren/Autorinnen hinweg. In diesem Medium liegen immer noch viele Möglichkeiten, sie sind halt nur aus der Mode geraten.

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