September 5, 2022

Notizen vor den Buch-Notizen: Wo mir Futures Thinking gerade überall begegnet

Über gewünschte Zukünfte nachdenken. Spekulative Zukünfte, Spekulatives Design, Futures Thinking, Futures Literacy … Trends und Begriffe, die mir derzeit oft begegnen. Sinds die Algorithmen oder ist die Zeit einfach überreif, dass wir uns endlich damit auseinandersetzen, wie unser Lebensraum in 30 Jahren aussehen könnte … wahrscheinlich so, hoffentlich so … oder auch ganz anders? Und was wir heute dafür tun können, einen Weg in Richtung der wünschens- und erstrebenswerten Zukünfte einzuschlagen?

Angefixt hatte mich bereits vor drei Jahren auf der re:publica19 die Diskussion „Designing Tomorrows – Science Fiction as a Method“ , in der die Beteiligten Michelle Christensen, Shalev Moran, Sina Kamala Kaufmann und Christian Zöllner ihre künstlerischen Ansätze zum Entwerfen von Zukünften vorstellten … zum Beispiel in Form von Science Fiction Essays, Computerspielen oder Audiotouren. Das Nachsehen der Aufzeichnung lohnt sich unbedingt!

Meine seit dem Studium anhaltende Begeisterung für Psychogeographie, die Situationistische Internationale und die Arbeit mit dérive und détournement, Constants „New Babylon“ … all das klang da irgendwie mit an! Mehr künstlerische Praxis, die in den Arbeitsalltag einbricht! Aber gleichzeitig schien es weit weg von den Themen, mit denen ich mich beruflich beschäftige.

Drei Jahre und viele gesellschaftliche Erschütterungen später erlebte ich auf der re:publica22 wieder mehrere Sessions, in denen mit Zukünften gearbeitet wurde. Gefühlt widmeten sich ein Großteil der re:publica22 Utopien, Dystopien und Zukünfte-Entwürfen.

Beispielsweise präsentierte Pinar Yoldas in „Dark Botany“ verstörende Entwürfe modifizierter Lebewesen als „Speculative Biology for Climate Crisis“.

Zufällig blieb ich bei „Ego-centric to Eco-centric: An exploration of two possible futures“ stehen, in der die Künstlerin und PwC Mitarbeiterin Hadas Zucker wort- und bildstark zwei Geschichten erzählte: Von einer Zukunft, die durch weiterhin extraktive Wirtschaft gesprägt ist und einer anderen Zukunft, die zur Kreislaufwirtschaft gefunden hat. Ich scheue mich, das abgegriffene Wort „Storytelling“ dafür zu verwenden, aber das war es wohl. Die brennenden Flüchtlingscamps in der einen Zukunft. Eine Kuh, deren Rechte denen von Menschen gleichgestellt sind, in der anderen. Spekulativ. Plakativ. Und sehr konkret und möglicherweise handlungsleitend.

Eins meiner Highlights auf der re:publica22 war das Serious Game „Das Urbane Digitop“, das von Forscher:innen des City Science Lab der Universität Hamburg initiiert wurde. Wir erzählten uns mögliche Zukünfte der fiktiven Stadt „Digitopia“ und bauten sie als physische Modelle. Die eine Gruppe war die der Geschichtenerzähler:innen, die anderen die der Planer:innen. In nur 45 Minuten tauchten wir tief in Bedarfe und Bedürfnisse der Digitopia-Bewohner:innen, Konflikte, und psychogeografische Einflussfaktoren ein. Eine unglaublich dichte Session, in der tolle städtische Zukünfte-Entwürfe und Modelle entstanden sind!

Außerdem sprach ich auf dem HR Festival in Zürich mit der Zukunftsforscherin Senem Wicki, die mir ihr beeindruckendes „Future Work Speculations“ Projekt vorstellte: Objekte/Skulpturen, die relevante Themenfelder zukünftiger Arbeit anschaulich, begreifbar und damit nutzbar machen:

Senem Wicki arbeitet zudem auch mit der LEGO® Serious Play® Methode, die ja bisher mein Mittel der Wahl war, um Zukünftevorstellungen zu bauen.

Und dann las ich einige Wochen später mehrere LinkedIn-Beiträge zu den Zukünfte-Laboren, die das Netzwerk Zukünfte.org unter anderem mit Stefan Bergheim durchführt.

Außerdem wurden die Futures Thinking Kurse von Jane McGonigal auf Coursera empfohlen, zu denen ich mich gleich angemeldet habe.
Die Futures Thinking Kurse arbeite ich gerade durch und werde meine Notizen dazu in einem eigenen Beitrag teilen.

Und weil ich gerade überall Zukünfte sehe habe ich mit unserem Sohn ein ganz fantastisches Kinderbuch gelesen: „Das wird bestimmt ganz toll! Wenn ich groß bin …“ der Labor Ateliergemeinschaft. Auch hier entdecke ich kindgerecht aufbereitet viele der Futures Thinking Ansätze wieder, die mir sowohl Jane McGonigal als auch Stefan Bergheim gerade nahebringen.

Stefan Bergheim hat auch ein empfehlenswertes Buch geschrieben, das ich an zwei Nachmittagen verschlungen habe: „Zukünfte. Offen für Vielfalt. Das Handbuch für den klugen Umgang mit dem Später„.

Das war eine ausführliche Einleitung. Denn eigentlich schreibe ich diesen Beitrag ja, um meine Notizen zu dem Buch zu ordnen und einige der vielen Lektüre-Empfehlungen, die Stefan Bergheim in dem Buch gesammelt hat, zu recherchieren und zusammenzutragen.

Denn das Buch ist ein schneller Überflug über die Facetten der Zukünfteforschung, enthält aber eine Fülle an Verweisen und Lektüretipps, die es erlauben, nach Interesse tiefer in die jeweils nur angerissenen Themen und Methoden einzusteigen. Die werde ich mir beim Schreiben dieses Beitrags erschließen …

Meine Notizen aus „Zukünfte. Offen für Vielfalt“ von Stefan Bergheim

Das Buch ist in drei Teile geteilt, die sich unabhängig voneinander lesen lassen: 1. Die Basis. 2. Die Werkzeuge. 3. Die Anwendung.
In den ersten Kapiteln führt Stefan Bergheim in die Disziplin des Futures Thinking und dessen Grundlagen ein. Was bedeutet es, mit Zukünften zu arbeiten? Wieso ist es so wichtig, gute Fragen zu stellen? Wie kommen wir von der Debatte zum Dialog und wie gestalten wir das Futures Thinking möglichst partizipativ und hierarchiearm?

Dialog und gute Fragen

Schon aus meiner Beschäftigung mit der LEGO® Serious Play® Methode weiß ich, dass eine gute Einstiegsfrage entscheidend sein kann. Stefan Bergheim weist auf diese sechs Facetten guter Einstiegsfragen hin:

  1. Die Frage hat Relevanz.
  2. Die Antwort ist wirklich noch offen.
  3. Die Frage zeigt bei den Teilnehmenden Wirkung.
  4. Die Frage stößt die Suche nach etwas Neuem an und bringt Neues hervor.
  5. Die Frage ist Anstoß für die Formulierung weiterer Fragen.
  6. Die Frage hat das Potenzial, uns zu einem Ergebnis zu führen: wirklich relevanten Antworten.

Zur intensiveren Beschäftigung mit guten Fragen werden folgende Quellen, Tools und Methoden empfohlen:

Umgang mit Komplexität

„Im Umgang mit komplexen Systemen ist es wichtig, dass die Diskussionen möglichst weit geöffnet werden, die Vielfalt der Perspektiven erhöht wird, Widerspruch zugelassen wird, Dialog ermöglicht wird. Es soll ein fruchtbares Feld vorbereitet werden, auf dem Gutes entstehen kann – ohne dass man vorab wissen kann, was das genau sein könnte.“ (S. 32)

Futures Thinking lässt sich nicht mit Ingenieursmethoden betreiben. Zukünfte lassen sich nicht vorhersagen oder exakt berechnen. Deshalb braucht es Herangehensweisen, die offen an komplexe, gesellschaftliche Zusammenhängen herantreten und Emergenz und Nichtlinearität berücksichtigen können, wie Stefan Bergheim betont. Mit Bezug auf die Forschung von Mika Aaltonen nennt er folgende Methoden, die diesem Anspruch gerecht werden und die er im Methoden-Teil des Buches weiter erläutert:

  • kausale Mehrebenenanalyse
  • partizipative Methoden
  • Visionierungsprozesse
  • Zukunftssuche
  • Zukünftelabore

Stefan Bergheim empfiehlt für eine vertiefte Auseinandersetzung mit Komplexität die beiden folgenden Bücher, die online kostenfrei im Volltext zugänglich sind:

Vielfältige Stimmen und Perspektiven berücksichtigen

Um die Pluralität von Zukünften zu finden, sei es essentiell, möglichst viele verschiedene Perspektiven zu berücksichtigen, schreibt Stefan Bergheim. Er berichtet von einem Stadtentwicklungsprojekt, in dem er den Ratschlag erhielt: „Wenn du 100 Personen im Projekt hast, dann sollte jeder Mensch in deiner Stadt sich von mindestens einer dieser Personen verstanden fühlen.“, S. 37)
Die Kunst sei, in einem Projekt aktiv die „nicht so oft gehörten Stimmen“ zu suchen (S. 42). Dazu empfehle es sich, die „Brückenbauer“ zu finden, die neue Kontakte zu diesen nicht gehörten Stimmen herstellen können und mit ihnen eine „bedeutsame Beteiligung“ (S. 39) zu erreichen.

Systemtheorie

Das letzte Grundlagen-Kapitel im Buch ist ein schneller, kleiner Ausflug in die Systemtheorie: Niklas Luhmann, Humberto Maturana, Robert Rosen und dessen Theorie antizipatorischer Systeme … darauf bezöge sich die Zukünfteforschung. In diesem kurzen Kapitel werden herausfordernd viele Referenzen genannt und Literaturempfehlungen gegeben. Stefan Bergheim empfiehlt die Einführungsbücher von Dirk Baecker und von Armin Nasehi, außerdem „GLU. Glossar zu Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme“ von Claudio Baraldi, Giancarlo Corsi, Elena Esposito und „Der Dialog in Organisation und Management – Illusion oder Perspektive. Eine systemtheoretische Zuspitzung“ von Michael Rautenberg
Die Grenzen und unterschiedlichen Kommunikationsarten und Logiken der Teilsysteme (Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Recht, Religion, Erziehung, Familie etc…) erkennen, die Wirkung von Rollen berücksichtigen und einen fruchtbaren Umgang damit versuchen … das sei für die Zukünfteforschung wichtig. Stefan Bergheim schlägt damit den Bogen zum Einstieg: Die Wichtigkeit gelingenden Dialogs.
Um Rollenrestriktionen zu mindern, empfiehlt Stefan Bergheim neben den bereits erwähnten Dialogformaten in großen Gruppen auch Einzelinterviews.
Beim Verfolgen der im Kapitel gelegten Spuren bin ich auf ein hörenswertes Interview mit Michael Rautenberg gestoßen, in dem er die von Stefan Bergheim angesprochene Schwierigkeit reflektiert, unter organisationalen Prämissen einen öffnenden, rollenübergreifenden Dialog zu führen. Zitat aus dem Video: „Der Dialog erhöht die interne Komplexität und damit die Verarbeitungskomplexität zur Verarbeitung von Umweltkomplexität.“ Dialog könne gelingen, so Rautenberg, wenn dafür institutionell legitimierte Formen gefunden und periodisch wiederkehrend eingeübt würde.

Trendanalyse

Nach den Grundlagen zur Zukünfteforschung widmet sich Stefan Bergheim im zweiten großen Abschnitt des Buches verschiedenen Werkzeugen.
Er startet mit der Trendanalyse (auf die auch Jane McGonigal im Coursera-MOOC ausführlich eingeht) und mahnt zum sorgfältigen Umgang mit Trends. Wir sollten hinterfragen, wie Trends beschrieben und wofür sie genutzt werden. Dann ließen sich aus Trendanalysen kraftvolle, weiterführende Fragen für die Zukünfteforschung ableiten:
„Greifen Sie sich aus einer Internetrecherche einen oder mehrere (Mega) Trends heraus. Hinterfragen Sie, was hier genau der Trend ist, ob der Titel so gut gewählt ist. Wie gut der Trend belegt ist, was die Ursachen sein könnten, was die Konsequenzen sind. Welche tieferliegenden Fragen sich ergeben. Sprechen Sie mit anderen Menschen darüber. Oder entwickeln Sie aus dem Trend sogar eine Frage für einen Dialog-Salon“ (S. 66)
Zur Vertiefung in Trends empfiehlt Stefan Bergheim:

Szenariomethoden

Auch die Szenariomethode war mir bereits aus Jane McGonigals MOOC bekannt. Stefan Bergheim beschreibt die „adaptive Szenariomethode“, die in den 1980er Jahren durch Peter Schwartz bei Shell weiterentwickelt und bekannt gemacht wurde.
Laut Stefan Bergheim eignet sie sich besonders gut für Themen, auf deren Entwicklung wir keinen großen Einfluss haben. Wir lernen durch die Methode, in verschiedenen offenen Zukünften zu denken, mit der Offenheit umzugehen und uns auf Eventualitäten vorzubereiten. Besonders wertvoll an dem Prozess sei die entstehende Kommunikation zwischen den Beteiligten.

Vorgehen:

  • Eine große Frage aufbringen, auf die keine klare/sichere Antwort existieren kann und die eine Vielzahl nur bedingt beeinflussbarer möglicher Entwicklungen hat
  • Die Frage sollte einen hinreichend langen Zeithorizont aufspannen, der aber noch eine Verbindung zu heutigem Handeln erlaubt (z. B. 10 Jahre)
  • Menschen mit vielen unterschiedlichen Sichtweisen zusammenbringen, die die Ergebnisse idealerweise in ihrer Entscheidungsfindung berücksichtigen können
  • Mögliche Einflussfaktoren sammeln
  • Nach Stärke des Einflusses und Unsicherheit über mögliche Entwicklung sortieren
  • Zwei Einflussfaktoren mit besonders hoher Unsicherheit auswählen und damit ein Szenariokreuz aufspannen. Die Achsenpole sind die jeweils positive und negative Ausprägung
  • Für jeden einzelnen Quadranten ein stimmiges Zukunftsbild beschreiben, in dem auch die anderen Einflussfaktoren mitgeführt werden

Literaturempfehlungen aus dem Buch zur Vertiefung in die adaptive Szenariomethode:

Anschließend geht Bergheim auf die transformative Szenariomethode ein, einer Weiterentwicklung der adaptiven Szenariomethode durch Adam Kahane (Nachfolger von Peter Schwartz bei Shell), die Beteiligte mit Einflussmöglichkeiten einbezieht und ein gemeinsam geteiltes Ziel anstrebt.

Visionen: Bilder wünschenswerter Zukünfte

Über den Begriff „Vision“ grübele ich seit einiger Zeit, seitdem mir ein Kollege seine Abneigung gegen diesen für ihn zu religiös-esoterisch aufgeladenen Begriff schilderte. Ein Blick ins DWDS zeigt die Nähe zur Apokalypse, zur Mystik, zum Übernatürlichen. (Auf Mastodon empfahl mir der:die Nutzer:in @Kueste@norden.social, mich mit dem Vision-Begriff von Peter Eisenman zu beschäftigen: Vision aus dem angloamerikanischen übersetzt ist vielschichtiger, als es in DE verwendet wird. Vision=sehen, die Sicht, das Sehvermögen, aber auch Vorstellung. Der (Architekturtheoretische) Klassiker ist Peter Eisenmann, VisionsUnfolding, der bis zum Exzess mit dieser Mehrfachbedeutung spielt. … einem Hinweis, dem ich an anderer Stelle nachgehen möchte).

Stefan Bergheim grenzt Visionen folgendermaßen ab:
„Während Trends und Szenarien einen Blick auf wahrscheinliche und mögliche Zukünfte versuchen, sind Visionen der Zugang zu dem, was wir uns wünschen und was halbwegs realistisch ist. Im Unterschied dazu sind Utopien vermeintlich unrealistische Unorte im Später. Und Dystopien sind Bilder von dem, was wir gerne vermeiden möchten.“ (S. 78)

Allerdings betont Stefan Bergheim auch Gefahren und Begrenzungen der Arbeit mit Visionen: Dass wir sie mit großen Hoffnung aufladen, uns auf sie festlegten und andere mögliche Zukünfte ausblenden würden. Visionen seien handlungsleitend. „Während eine Vision erarbeitet wird, haben abweichende Ansichten wenig Platz.“ (S. 78)
Also doch religiös …?

Stefan Bergheim nennt folgende Anforderungen an gute Visionen:

  1. Positiv formulieren! (Nicht gegen etwas, sondern für etwas)
  2. Gemeinschaftlich entwickelt und getragen
  3. Anschauliche Darstellung/ Visualisierung
  4. Herausfordernd/ambitioniert
  5. Anpassungsfähig und kein Dogma
  6. Zeithorizont meist 5-30 Jahre
  7. Verankerung an relevanten Stellen (möglichst inhaltlich neutral)
    Außerdem betont er, dass gute Visionen nicht besonders aufregend oder kontrovers sein müssten, aber von möglichst allen Beteiligten geteilt werden sollten.

Indikatoren

Ein gut gewähltes Set an Indikatoren kann Entwicklungen in Richtung der formulierten Zukünfte-Szenarien andeuten. Stefan Bergheim weist darauf hin, dass einzelne Indikatoren selten ein eindeutiges Signal für eine bestimmte Entwicklung sind, sondern ein umfassendes Set an mess- oder subjektiv erfragbaren Indikatoren zusammengestellt werden muss, um daraus Schlussfolgerungen ableiten zu können. Auch Platzhalter sind möglich, wenn Betrachtungen eines Feldes als notwendig erachtet, die dafür geeigneten Indikatoren aber noch nicht gefunden wurden.

Merkmale gut gewählter Indikatoren sind (vgl. S.89ff):

  1. Am Ergebnis orientiert, nicht am eingesetzten Mittel
  2. Mit Bewertung der wünschenswerten Entwicklung (wenn das nicht eindeutig ist, sollte ein Indikator besser in mehrere Indikatoren mit jeweils eindeutig wünschenswerter Entwicklung aufgesplittet werden)
  3. Werte der Indikatoren sollten sich durch menschliche Interventionen verändern lassen, aber dadurch zu einer echten Verbesserung führen und nicht nur kosmetischer Natur sein (Regel von Charles Goodhardt: Indikatoren sind nutzlos, sobald sie zu politischen Zielen werden und die Werte entsprechend gesteuert)
  4. Leicht verständlich!
  5. Kluge Kombination objektiver und subjektiver Indikatoren sind oft besonders aussagekräftig
  6. Zeitnah und als Zeitreihen, möglich direkt oder kurzfristig verfügbar

Future Search / Zukunftssuche

Diese Methode sei hilfreich, wenn verschiedene Interessensgruppen zu einem kontroversen Thema zusammenkommen und nach gemeinsamer Basis für Aktivitäten suchen, schreibt Stefan Bergheim.

Es sei eine große, anspruchsvolle und zeitintensive Methode:
Acht Gruppen mit jeweils acht Menschen kommen über idealerweise zwei Tage zusammen. Die große Zahl der Beteiligten soll das ganze System möglichst umfassend repräsentieren.

Stefan Bergheim beschreibt den Ablauf wie folgt:

  1. Individuelle Vorstellung (mit persönlicher Erfahrung zum Thema)
  2. Vergangenheit erarbeiten: Große Ereignisse, Meilensteine, auf Zeitachse
  3. Daraus Geschichten erarbeiten, die die Ereignisse zusammenbringen. Geschichten präsentieren.
  4. So wird sichtbar, welche Schwerpunkte, Sprache, Begrifflichkeiten die Beteiligten aus der Vergangenheit mitbringen.
  5. Sammlung gegenwärtiger Trends erstellen, die eine Gesamtschau aller wichtiger gegenwärtiger Entwicklungen bildet. So kann auch erkannt werden, wo ggf. blinde Flecken sind.
  6. Anschließende Diskussion ausgewählter Trends und z. B. Auswirkungen auf einzelne Gruppen/Repräsentant:innen. Was hängt womit zusammen? Wie gehen wir damit um? Was können wir in Zukunft damit machen?
  7. Ernte: Worauf sind wir besonders stolz? Was tut uns in Bezug zum bisherigen Handeln leid oder würden wir anders angehen?
  8. Gruppen entwickeln ihre Zukunftsvisionen
  9. Die Gruppen stellen ihre Zukunftsvisionen vor. Mitschreiben von Gemeinsamkeiten.
  10. Wiederum vorstellen und diskutieren: Wie sehen die Gemeinsamkeiten aus? Welche Gruppe kann was machen, um dieser gewünschten Zukunft näher zu kommen?

Buchempfehlung:
Marvin Weisbord, Sandra Janoff: Future Search: Die Zukunftskonferenz

Außerdem habe ich folgende interessant wirkende Internet-Quellen gefunden, in die ich mich noch vertiefen möchte:

Kausale Mehrebenenanalyse / Causal Layered Analysis (CLA)

Diese Methode wurde 1990 von Sohail Inayatullah entwickelt. Stefan Bergheim ordnet sie als aufwendig in der Durchführung, aber besonders gut für komplexe, langfristige Themen ein.

In der Methode werden mehrere Ebenen untersucht:

  1. Die Litanei (was ist oberflächlich sichtbar?)
  2. Das System (Kulturelle, historische, wirtschaftliche, politische Faktoren und Akteure)
  3. Die Weltsichten (tiefere soziale, sprachliche, kulturelle Muster, die System und Litanei zugrunde liegen)
  4. Die Metapher (Emotionen! Bilder, Mythen und Metaphern)

Auf metafuture.org findet sich umfassendes Material über die kausale Mehrebeneanalyse und eine reichhaltige Bibliothek mit frei zugänglichen Artikeln von Sohail Inayatullah .
Stefan Bergheim verweist ausdrücklich auf den Artikel „Six pillars: futures thinking for transforming“ aus dem foresight-Magazin.
Außerdem werde ich mir seinen TED-Talk ansehen.
Es gibt sogar den (relativ teuren) Online-Kurs „Becoming a Futurist“.

Zukünftelabore

Auf Stefan Bergheim bin ich immer wieder im Zusammenhang mit dem von ihm und seinen Kolleg:innen durchgeführten Zukünftelaboren aufmerksam geworden. Zum Beispiel über die anschauliche Beschreibung eines „Zukünftelabors zum Metaverse des Lernens“, die Sirkka Freigang auf ihrem Blog veröffentlicht hat. Daraufhin habe ich mich selbst zum Zukünftelabor „Zukünfte der Demokratie“angemeldet, das am 30. September online stattfinden wird.)

Stefan Bergheim bezieht sich auf Riel Miller, an dessen online frei verfügbarem, von der UNESCO publiziertem Buch „Transforming the Future – Anticipation in the 21st Century“ Stefan Bergheim mitgewirkt hat (1., 4. und 5. Kapitel).

Auch Zukünftelabore laufen oft in diesen vier Phasen ab, die Stefan Bergheim im Buch auch an anderer Stelle immer wieder aufgreift:
„Aufdecken > Experimentieren > Abgleichen > Handeln“ („Reveal > Reframe > Rethink > Redo“)
Im Zentrum steht das Experiment mit ‚alternativen‘ und ggf. irritierenden Szenarien und was daraus erwächst.

Die Phasen laufen folgendermaßen ab:

  1. Aufdecken der Annahmen der Teilgebenden (wovon wird besonders viel gesprochen, was sind weiße Flecken, was sind wünschenswerte Zukünfte, ggf. Vertiefung über Mehrebenenanalyse etc …)
  2. Mit anderem Rahmen experimentieren: Teilgebende werden mit alternativem Szenario konfrontiert oder es werden vom erwarteten Szenario Teile verändert. Diese Phase leitet die Teilgebenden auf ungewohnte Fragen/Ideen.
  3. Abgleichen der Ergebnisse der ersten beiden Phasen, Formulieren neuer Ideen
  4. Ableiten, Vorstellen und Diskutieren neuer Projekte, um ins Handeln zu kommen. Festlegen konkreter Aufgaben und Verantwortlicher.

Wie auch die meisten anderen im Buch vorgestellten Futures Thinking Methoden braucht auch ein Zukünftelabor Zeit … aber offenbar nur einige Stunden und nicht Tage, wie die bisher vorgestellten Methoden. Im Schnelldurchlauf spielt Stefan Bergheim den Ablauf eines Zukünftelabors im Tech & Trara Podcast mit Moritz Stoll durch … eine hörenswerte, weil sehr praxisnahe Folge!

Wertschätzende Erkundung / Appreciative Inquiry

Die wertschätzende Erkundung scheint eine bekanntere Großgruppenmethode, die auch in anderen Kontexten als der Zukünfteforschung gerne verwendet wird.

In ihr starten wir nicht mit einer Problemanalyse, sondern stattdessen mit einem positivem Ansatz:

  • Was läuft heute schon gut?
  • Was könnte morgen noch besser laufen?
  • Wer müsste was tun, damit mehr von dem passiert, was gut ist?

Wir beginnen also mit dem, was bereits da ist.

Stefan Bergheim beschreibt die vier Phasen der Methode als die 4D:

  1. Discovery: Offene Interviews, was gut läuft
  2. Dream: Teilen der Vorstellungen gelingender Zukünfte. Was wünschen sich die Teilgebenden?
  3. Design: Zusammensetzen der Ergebnisse zu einem Mosaik gelingender Zukünfte
  4. Destiny/Delivery: Wer setzt was um?

Er betont, dass die Phasen fließend ineinander übergehen. Ggf. bietet sich die Nutzung der Walt-Disney-Methode an.

Ähnlich wie z. B. in den Zukünftelaboren empfiehlt Stefan Bergheim, als fünftes ‚D‘ eine Phase der Irritation (Disrupt) einzuschieben, um die Auseiandersetzung mit alternativen Entwürfen zu triggern.

Zur Vertiefung empfiehlt Stefan Bergheim das Buch „A Positive Revolution in Change: Appreciative Inquiry“ von David L. Cooperrider und Diana Whitneyhier ein frei zugänglicher Artikel der beiden mit gleichen Titel sowie das deutsche Buch mit dem für mich etwas abschreckenden Titel „Appreciative Inquiry (AI): Der Weg zu Spitzenleistungen“ von Matthias zur Bonsen und Carole Maleh.
Hilfreich scheint mir auch die umfassende Übersicht auf sozialraum.de.

Spiele

Das letzte Methoden-Kapitel widmet sich spielerischen Zugängen.
Darauf war ich besonders gespannt, denn ich liebe Workshop-Spiele und erinnere mich genau, wie ich z. B. vor einigen Jahren durch ein Agile Games Meetup innerhalb weniger Stunden einen schnelleren und anwendungsnäheren Zugang zu den Prinzipien agiler Arbeitsweisen gefunden habe als durch monatelange Lektüre zuvor.

Stefan Bergheim verweist auf die Arbeit von des „Businessnarren“ Martin Ciesielski, der die „School of Nothing“ gegründet hat. Es ist übrigens erfrischend, sich mit Martin Ciesielski auf LinkedIn zu vernetzen und die eigene Timeline mit seinen Beobachtungen und Fundstücken in Berlin, Werbung, Businesskasperei etc genießbarer zu machen.

Außerdem beschreibt Stefan Bergheim die folgenden Spiele:

  • Kartenspiel „The Thing From The Future“ des Situation Lab, in dem Satzkombinationen gebildet werden, die Zukünfte beschreiben … derzeit ausverkauft, aber als Print-and-Play zum Herunterladen und Selbstausdrucken angeboten. Und es lässt sich sogar in Minecraft spielen!
  • Auf das Kartenspiel „Future Game 2050“ bin ich vor längerer Zeit schon in einer Session der Corporate Learning Community hingewiesen worden. Damals hat es mich nicht gereizt, denn die darin beschriebenen Job-Archetypen der Zukunft schienen mir abgeschmackt und wenig visionär. Aber ich werde es mir noch einmal genauer ansehen …
  • Das Brettspiel „Stranger Futures“ von 4CF
  • Die einfache Aufstellungsmethode „Polak-Spiel“, die ebenfalls in Jane McGonigals MOOC unter dem Namen „Future Four Square Game“ genutzt wird: Die Menschen stellen sich auf einer Linie danach auf, ob sie die Zukunft eher optimistisch oder pessimistisch einschätzen. Anschließend wird davon ausgehend eine weitere Dimension eröffnet, in der sich die Menschen danach aufstellen, ob sie die Zukunft als vorbestimmt oder menschlich beeinflussbar wahrnehmen. Jane McGonigal und auch die oben verlinkte Fearless Culture Toolbox gehen dann weiter, indem anhand der enstehenden Aufstellung eine Matrix-Beschreibung eingeführt wird („powerful, passive, powertest, realistic“). Jane McGonigal empfiehlt für die verschiedenen Quadranten unterschiedliche Methoden des Futures Thinking. Und Fearless Culture empfiehlt das „Regain your Power Canvas“, um an den eigenen Einflussmöglichkeiten zu arbeiten. Man könne die Methode aber auch einfach nutzen, um über Annahmen und Vorstellungen der Zukünfte ins Gespräch zu kommen, betont Stefan Bergheim. Ich bin skeptisch und befürchte, dass die Methode leicht in einen Optimismus-Drang/Positive Psychologie-Gedöhns rutschen kann, wenn sie nicht sehr gekonnt angeleitet wird …?
  • Das „Sarkar-Spiel“, basierend auf Ideen des indischen Mystikers P.R. Sarkar.

Anwendung

Im dritten großen Abschnitt seines Buches beschreibt Stefan Bergheim seine eigenen Erfahrungen aus Projekten, die sich mit Zukünften auseinandergesetzt haben:

Ausblick

Stefan Bergheim schließt mit einem Appell, mit der Zukünftearbeit gemeinsam zu starten und die Vorteile der Zukünftebildung zu nutzen: „Sie bietet Räume für Emergenz in komplexen Systemen. So vergrößert sich zweitens das System der Sensoren, mit denen wir neuen Informationen aufnehmen. Dadurch können wir Ereignisse mitbekommen, die wir sonst nicht wahrgenommen hätten. Neue Indikatoren werden erarbeitet, neue Wege der Informationsbeschaffung angegangen. Die Wahrnehmungskraft nimmt zu, auch für das, was wir loslassen können. Drittens nimmt das Verständnis heutiger Systeme und Themen zu, wenn man durch die Zukunftsbrille auf sie schaut. Zusammenhänge werden sichtbar zwischen Menschen und zwischen Themen. Ebenso tieferliegende Ursachen aktueller Herausforderungen und viele im System verteilte Aktivitäten und Projekte in der Gegenwart.“ (S. 184) Dazu hat das Buch viele Anregungen gegeben und noch mehr Spuren zu weiteren Quellen für eine vertiefende Auseinandersetzung gelegt.

In das Dokument Stefan Bergheim: Zukunftsforschung für Staaten. Vorbereitungen in der Gegenwart (2009), dass viele der im Buch beschriebenen Ansätze weiter ausführt, werde ich mich ebenfalls noch einlesen.

Wie geht es weiter?

Das Buch „Zukünfte. Offen für Vielfalt“ ist eine einfach zugängliche, anschaulich beschriebene und zügig zu lesende Einführung in die Zukünfteforschung. Wie schon mehrfach erwähnt sehe ich das Buch als Überblick und Startpunkt für eine vertiefende Beschäftigung mit den einzelnen Methoden. Ich bin gespannt auf das Zukünftelabor „Zukünfte der Demokratie“ am 30. September. Außerdem überlege ich mit Kolleg:innen gerade, wie wir Futures Thinking im Rahmen einer Fridays for Learning Veranstaltung ausprobieren können.

Die künstlerischen Ansätze spekulativer Zukünfte finden im Buch keine Erwähnung bzw. reduzieren sich auf reine Visualisierungsmethoden. Da Stefan Bergheim allerdings mehrfach erwähnt, wie ergiebig das Einbringen von Irritationen in die Zukünftearbeit sein kann, möchte ich die Kraft künstlerischer Irriationen nicht aus den Augen verlieren.

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